In unserer zivilisierten, dicht besiedelten und landwirtschaftlich intensiv genutzten Kulturlandschaft ist der Rothirsch ein Streitobjekt unterschiedlichster Interessensgemeinschaften geworden. Jäger und Förster, aber auch Tier-, Natur- und Verbraucherschützer debattieren heftig über die Zukunft des größten heimischen Säugetiers. Derzeit darf sich Rotwild in neun Bundesländern nur in so genannten „Rotwildverbreitungsgebieten“ aufhalten. Verlassen sie diese, müssen die majestätischen Tiere geschossen werden.
Zum Hubertustag 2006 veröffentlichte die Deutsche Wildtier Stiftung das „Leitbild Rotwild – Wege für ein fortschrittliches Management“. Ziel des Leitbildes ist es, dem Rotwild in Deutschland ein artgerechteres Leben zu ermöglichen und gleichzeitig wirtschaftliche Konflikte zu reduzieren.
Leitbild ist eine frei lebende, vitale Rotwildpopulation, die alle geeigneten Lebensräume Deutschlands besiedelt, ihren Lebensraum selbst wählt und ihren Lebensrhythmus eigenständig bestimmt.
Revierübergreifendes Management sorgt für einen Ausgleich zwischen den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen des Menschen einerseits und den Ansprüchen des Rotwildes andererseits.
Ein konsequent umgesetztes Leitbild hätte zur Folge, dass die Rothirsche nicht mehr nur bestimmte Areale sondern weite Landesteile besiedeln könnten. Dabei muss der Bestand jedoch nicht zwingend zahlenmäßig ansteigen. Doppelter Raum für die heute vorhandenen Tiere – das könnte grob vereinfacht ein Ergebnis sein. Durch eine Lebensweise, wie es das Leitbild zeichnet, wären die Tiere auch weniger Stress ausgesetzt. Je mehr Stress Rothirsche haben, desto mehr Energie verbrauchen sie und desto mehr Nahrung suchen sie sich. Wirtschaftliche Schäden an Forsten und Feldern durch Verbiss oder Schälung würden durch eine konsequente Umsetzung des Leitbildes minimiert.
Das Leitbild der Deutschen Wildtier Stiftung basiert auf einem Konsens verschiedener Interessensgruppen und wird vom NABU, dem WWF Deutschland und EURONATUR gleichermaßen unterstützt wie vom Bund Bayrischer Berufsjäger, dem CIC - Internationaler Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer.
Dipl. forest. Ulrich Wotschikowsky, Dipl. Biol. Olaf Simon, Dipl. forest. Kai Elmauer, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog: Leitbild Rotwild. Wege für ein fortschrittliches Management, Deutsche Wildtier Stiftung (2006).
Die aktuelle Fassung kann kostenlos bei A.Kinser@DeutscheWildtierStiftung.de bestellt werden.