INI Natur- und Waldkindergarten

Berlin, 13. Januar 2017

Gemeinschaftsraum Wald

Gut getarnt als „normaler“ Kindergarten fügt sich der INI Natur- und Waldkindergarten in die sauerländische Stadtlandschaft ein. In unmittelbarer Nähe der beiden größten, in der Stahl- und Werkzeugproduktion tätigen Arbeitgeber der Region und inmitten einer ehemaligen Arbeitersiedlung steht das 2013 neu erbaute Kindergartengebäude. Dieses ist Ausgangspunkt für die täglichen Waldspaziergänge und Expeditionen. Denn direkt hinter dem Haus beginnen der Lippstädter Stadtwald, die Lippe-Auenlandschaft und der Lippe-Strand. „Das ist unser eigentliches Zuhause“, erklärt Sandra Bals, Leiterin des Natur- und Waldkindergartens in Lippstadt. „Das Gebäude ist unser zentraler Punkt und für die Ganztagsbetreuung unerlässlich. Trotzdem sind wir so viel wie möglich draußen im Wald und in der Aue unterwegs“, erzählt sie beim Gang durch die Räume. Das neue Kita-Gebäude ist hell und freundlich, zwei Gruppen- und mehrere Schlafräume sowie sanitäre Anlagen stehen den Kindern und Erziehern zur Verfügung. „Und natürlich unser Gemeinschaftsraum: das Außengelände und der Wald“, erweitert Sandra die Aufzählung mit einem Augenzwinkern.

Kinder liegen im Laub.

Steckbrief

Art: Natur- und Waldkindergarten
Geografische Lage: Stadtwald Lippstadt
Gründungsjahr: 2013
Träger: INITEC Gesellschaft für Ausbildung und Arbeit mbH (g)
Anzahl der Kinder: 35 Kinder
Alter der Kinder: 1 – 6 Jahre
Betreuungsschlüssel: 6 Erzieher (VZ/TZ)

Natur tut gut – damals wie heute

Heute ist der INI Natur- und Waldkindergarten der einzige seiner Art in Lippstadt. Bevor er im Jahr 2013 eröffnete, gab es bereits eine Waldspielgruppe, die von privater Hand sieben Jahre lang geführt wurde.
Als die Waldspielgruppe keine Betreuung mehr anbot, suchte die Stadt Lippstadt einen neuen Träger, der das Waldkonzept weiterführen sollte. Der Träger INITEC Gesellschaft für Ausbildung und Arbeit mbH (g) mit Sitz in Lippstadt übernahm die Idee und errichtete 2013 den Natur- und Waldkindergarten. Heute werden 35 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren dort betreut. „Auch die Kleinsten gehen schon mit in den Wald“, berichtet Erzieherin Sarah Schulte. Als Gruppenleiterin der Unterdreijährigen hat sie alle Hände voll zu tun, denn auch die ganz Kleinen sind schon flink im Wald unterwegs, wie sie berichtet: „Unser jüngstes Kind kam mit neun Monaten zu uns. Da konnte sie noch nicht laufen. Für solche Fälle nehmen wir einen oder zwei Kinderwagen mit in den Wald, wenn die Strecken doch zu weit werden. Am Waldplatz angekommen, sind die kleinen Kinder dann aber auch sehr aktiv und genießen ihre Draußenzeit.“ Sie schaut sich um und ihre Auge leuchten: „Das ist so, wie ich mir die Arbeit mit den Kindern immer vorgestellt habe. Ich komme selbst vom Land und hatte immer Natur um mich herum. Was mir damals gut getan hat, gilt heute genau so“.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Neben den verlängerten Öffnungszeiten von 7.15 Uhr bis 16.30 Uhr und der Betreuung von Kindern unter drei Jahren hat der INI Natur- und Waldkindergarten zwei weitere Besonderheiten. Bedingt durch die Lage ist der Kindergarten eher in einer sozial benachteiligten Wohngegend angesiedelt. „Das sehen wir aber eher als große Chance“, sagt Erzieherin Sarah. „Wir haben viele verschiedene Kinder mit unterschiedlichster sozialer und ethnischer Herkunft. Die Kinder lernen bei uns das soziale Miteinander, unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder Status. Die Natur hilft dabei enorm, denn sie bietet Platz für gemeinsame Aktionen und die Notwendigkeit, sich miteinander zu beschäftigen, wenn man etwas erreichen oder ausprobieren will.“ Und auch die Eltern sind untereinander sehr solidarisch. „Die Outdoor-Kleidung der Kinder bleibt nach der Kindergartenzeit oft hier bei uns, so dass wir sie an die Kinder weiter geben, deren Eltern sich so etwas nicht leisten können“, freut sich Jennifer Siebert, Erzieherin der großen Waldkindergruppe.

Kind im Wald mit Stock

Darüber hinaus verfolgt der Kindergarten einen heilpädagogischen Ansatz und betreut derzeit vier Kinder mit Integrationsstatus, d.h. mit Verhaltensauffälligkeiten. Sowohl Leiterin Sandra (Dipl.Heilpädagogin) als auch Integrations-Erzieher Bernd Wiegelmann (Dipl. Pädagoge) kümmern sich regelmäßig ganz individuell um einzelne Kinder. Dafür gehen sie oft mit dem Kind auf Entdeckungsreise durch den Wald, schulen so nicht nur die Motorik, sondern in erster Linie die sozialen Kompetenzen. Die Fortschritte sind klar erkennbar. „Das geht natürlich nur durch unseren sehr guten Betreuungsschlüssel. Aber dadurch konnten wir schon sehr viel erreichen“, sagt Sandra. Und sie ergänzt: „Die Mädchen haben vorhin zusammen am selbst gebauten Tipi gespielt. Da kam eines unserer Integrationskinder und wollte das Tipi kaputt machen. Das gab natürlich Streit. Nach kurzer Zeit des Überlegens ist er von alleine darauf gekommen, sein eigenes Tipi zu bauen, das er dann auch selbst wieder einreißen kann. Das wäre früher nicht denkbar gewesen. Er hätte so lange mit den Mädchen gestritten, bis er sich wütend auf den Boden geworfen und nicht mehr zu beruhigen gewesen wäre. Das ist ein echter Fortschritt!“

Der ganz normale Waldkindergarten-Alltag

Unabhängig von allen Besonderheiten der Einrichtung zeichnen sich die Tage im INI Natur- und Waldkindergarten durch den typischen Tagesablauf eines Waldkindergartens aus. Nachdem alle Kinder angekommen sind, werden die Rucksäcke geschultert, die Gummistiefel noch einmal überprüft, die Handschuhe aus dem großen „Handschuh-Sammelbeutel“ gesucht und die Mützen aufgesetzt – schon geht es los in den Wald. Heute machen sich alle gemeinsam auf, die Großen laufen und toben voraus, die Kleineren beschäftigen sich lieber mit dem, was der Wald am Wegesrand zu bieten hat. Leandra und Marie sammeln Steine und vergleichen ihre Schätze. Einer ist schöner als der andere, so dass sie sich gar nicht entscheiden können.

Der Stein hier glitzert. Den nehm´ ich mit nach Hause.

Marie packt den Stein zu den vielen anderen, die schon in ihrer Jackentasche stecken. Angekommen am Waldplatz wird gefrühstückt, gespielt, geschnitzt und getobt. Vince geht auf Regenwurmjagd, Armir testet seine Kraft an den Ästen und Blättern. Und manchmal wird auch einfach nur die Ruhe genossen. Leticia, Tanja und Lara liegen tief entspannt im Blätterbett und lassen sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Schon hört man den Ruf zum Aufbruch, es geht zurück zum Kindergarten – Mittagessenszeit. Wieder am Gebäude angekommen waschen sich alle Kinder die Hände, die Jacken und Stiefel bleiben an. Denn auch das Mittagessen wird draußen serviert. Und auch die Erzieherinnen und Erzieher sieht man den ganzen Tag in ihrer Outdoor-Bekleidung, denn die Tür nach draußen steht immer offen. Schuhe an, Schuhe aus, das gibt es hier nicht. „Es gibt keinen Dreck, es gibt nur Erde! Und das Haus ist dafür da, genutzt zu werden“, lacht Sandra. Aber so schön das Haus auch ist, die Kinder spielen trotzdem lieber draußen.

Waldkindergarten mit Haus

Ein Waldkindergarten mit Haus? Ist das überhaupt ein richtiger Waldkindergarten? „Welches Potential das Gebäude hat, haben wir erst gemerkt, seitdem wir mit dem Haus arbeiten“, erklärt Sandra. Einen klaren Vorteil sehen die Erzieher darin, dass die Kinder selbst entscheiden können, ob sie drinnen oder draußen spielen wollen. Der Trend geht jedoch ganz klar zur Draußen-Beschäftigung. Und drei weitere Vorteile kommen dazu: „Wir haben alle Möglichkeiten zu kochen und zu backen. Auch für die Mittagsruhe haben sich die Räumlichkeiten sehr bewährt und wir nutzen den Gruppenraum der großen Waldkinder zur Vorbereitung auf die Schule. So können sich die Kinder daran gewöhnen, wie man sich in Räumen verhält und sie bekommen eine Ahnung davon, was später in der Schule auf sie zukommt“, beschreibt Sandra die Vorteile. Sie sieht zudem die Eltern und ihre Bedenken: „Noch viel wichtiger ist die Akzeptanz des Wald-Konzeptes bei den Eltern durch unser Gebäude. Viele Eltern beruhigt es, dass wir ein Haus zu Verfügung haben und ihre Kinder rein können, wenn sie möchten. Einem Waldkindergarten nur mit Bauwagen stehen viele skeptisch gegenüber“. Sandra schaut noch einmal in Richtung Wald und zurück zum Haus, überlegt kurz und fasst zusammen: „Für uns ist das hier, so wie es ist, eine gute Mischung und die beste Lösung. Wir freuen uns über jedes neue Waldkind“. Und die Nachfrage ist so groß, dass noch einmal angebaut werden könnte. Aber vorerst bleibt es bei 35 Kindern, die jeden Tag durch den Lippstädter Stadtwald stromern dürfen.

Gebäude Waldkinderkarten
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