Großer Abendsegler – Gefährdeter Flugakrobat

Rückgang einer ehemals häufigen Fledermausart

Großer Abendsegler

Noch vor 10 Jahren waren Große Abendsegler häufig am Abendhimmel zu beobachten. Sowohl bei systematischen Untersuchungen (Verbreitungserhebungen) oder bei Fledermausexkursionen konnten Große Abendsegler annähernd überall in Deutschland festgestellt werden. Mittlerweile sind die faszinierenden Flüge einer unserer größten Fledermausarten immer seltener zu beobachten und die von Fledermausexperten überwachten Kolonien weisen einen negativen Entwicklungstrend auf.

Ursachenanalyse

Welche Gründe für den Rückgang dieser Fledermausart verantwortlich sind, soll eine umfassende Ursachenanalyse aufzeigen. Im Rahmen einer Pilotstudie der Deutschen Wildtier Stiftung in Schleswig-Holstein testen Experten hierfür neuste Methoden der Fledermausforschung.

Wir beobachten aktuell den dramatischen Rückgang einer ehemals häufigen Fledermausart.

Dr. Markus Dietz, Institut für Tierökologie und Naturbildung

FLUGAKROBAT AM ABENDHIMMEL - NYCTALUS NOCTULA

Der Abendsegler ist im Vergleich zu anderen Fledermausarten eine in großen Höhen fliegende Art, die ihre Tagesquartiere überwiegend in Bäumen, seltener auch in Felsspalten aufsucht. Sogar an Hochhäusern findet der Große Abendsegler Verstecke wie Betonspalten oder Dachüberhänge. In ganz Deutschland verbreitet, liegt sein Verbreitungsschwerpunkt im Norddeutschen Tiefland, wo die Art in Waldgebieten Wochenstuben gründet. Dies sind Zusammenschlüsse von Weibchen vor der Geburt der Jungen. Ihr Nachwuchs wächst innerhalb dieser Kolonien über einen Zeitraum von 6-8 Wochen heran. Zur Paarung und Überwinterung verlässt ein Teil der Tiere seine Wochenstubengebiete und wandert ab Oktober nach Mittel- und Süddeutschland, nach Frankreich oder in die Schweiz. Gleichzeitig kommen Tiere aus Schweden oder dem Baltikum, um in Norddeutschland zu überwintern.

Der Abendsegler ernährt sich im offenen Luftraum von sogenanntem Luftplankton - schwärmenden Insekten, die sich in Höhen bis zu 1.000 Meter über dem Boden aufhalten.

Großer Abendsegler

PLÖTZLICH SELTEN

Fledermäuse werden überwiegend akustisch erfasst. Mit Hilfe von Detektoren können Experten ihre Ultraschall-Rufe hörbar machen. Jede Art hat individuelle Rufe, so dass man sie unterscheiden kann. Während der Große Abendsegler bis vor etwa 10 Jahren flächendeckend bei akustischen Erfassungen in Deutschland angetroffen werden konnte, nimmt die Nachweisdichte zunehmend ab. Kolonien in Schleswig-Holstein zeigen starke Schwankungen nach unten, was als Negativtrend der Population interpretiert werden kann. Die Reproduktionsraten in 2017 waren in den beobachteten Kolonien extrem gering.

Über die Ursachen für den negativen Populationstrend kann bislang nur spekuliert werden. Als mögliche Faktoren kommen die Verringerung des Nahrungsangebotes durch den Insektenschwund, die unmittelbaren Verluste durch Kollisionen an Windenergieanlagen sowie der Verlust von Quartieren in Wäldern und Gebäuden in Frage.

Bild 1: Das Untersuchungsgebiet an den Plöner Seen (Landkreis Plön) – ein vielfältiger Lebensraum für Fledermäuse. Bild 2: In einem Waldgebiet bei Plön wurden künstliche Höhlen in Form von Kästen installiert. Die Weibchen des Großen Abendseglers bilden hier Wochenstuben und nutzen das „Kastenrevier“ als Aufzuchtstätte ihrer Jungen. Bild 3: Bevorzugt werden von Großen Abendseglern – aber auch anderen Fledermausarten - natürliche Höhlen aufgesucht, wie diese Spechthöhle in einem Buchenstamm.

PILOTSTUDIE AN PLÖNER SEEN

Um die Faktoren zu erkunden, die einen negativen Einfluss auf Populationen des Großen Abendseglers haben können, sind umfassende Ursachenanalysen notwendig. Bei einer hochmobilen Fledermausart geht dies nicht ohne eine ausgefeilte Beobachtungstechnik.
Deshalb werden Erfassungs-Methoden zunächst in unserer Pilotstudie in Schleswig-Holstein getestet. Es ist geplant, diese Untersuchungen später auch in weiteren Regionen Deutschlands durchzuführen. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:

Fragestellungen

• In welchen Teilen der Landschaft versuchen Abendsegler Nahrung zu erbeuten?

• Welche Beutetiere werden bevorzugt, und lassen sich über die Beutetiere Rückschlüsse auf die Abnahme ihrer Dichten (Insektenschwund) gewinnen?

• Wie ist das Flugverhalten von Großen Abendseglern im Bereich von Windenergieanlagen?

• Wie ist der Populationszustand ausgewählter Kolonien zu bewerten (Zahl reproduktiver Weibchen, Kolonieentwicklung, Reproduktionsrate)?

• Welche Aktivitätsdynamik kann in den Quartiergebieten in Wäldern und in gezielt überwachten Ganzjahresquartieren ermittelt werden?

KÜNSTLICHE HÖHLEN HELFEN FLEDERMAUSKUNDLERN

Ein seit über 20 Jahren bekanntes, sogenanntes Kastenrevier bei Plön (Schleswig-Holstein) dient den Fledermauskundlern Dr. Markus Dietz, Karl Kugelschafter und Matthias Göttsche als Testgebiet. Hier werden spezielle Fledermauskästen von Abendseglern als Tagesquartiere genutzt. Einige der Individuen, die hier auch ihre Jungen zur Welt bringen und heranziehen, sind bereits individuell markiert und seit mehreren Jahren bekannt. Mit Hilfe akustischer Dauer-Erfassungen, die die Ultraschallrufe der Fledermäuse registrieren, wird die Aktivität an den künstlichen Höhlen erfasst.

Großer Abendsegler mit GPS-Technik. Der 1-2 g leichte Datenlogger wird ins Fell geklebt.

In den Kastenrevieren an den Plöner Seen sollen zudem Kot-Analysen Auskunft über die Zusammensetzung der Beutetiere geben und Lichtschranken-Systeme die Aktivitätsdynamik an Kunsthöhlen erfassen. Darunter auch Kästen, die einigen Großen Abendseglern als Winterquartier dienen. Mit Hilfe der Kästen können durch Kontrollen im Spätsommer auch Reproduktionsraten ermittelt werden.

Bild 1: Aufenthaltsorte eines Großen Abendseglers mit GPS-Logger von zwei Nächten an den Ufern des Schluensees. Die Verbindungen der einzelnen Punkte müssen nicht den Flugrouten entsprechen. Bild 2: Ergiebige Jagdgebiete sind durch Häufungen von Lokalisationen zu erkennen. Zum Teil werden sie fernab vom Kerngebiet, wie hier in Richtung Westen, aufgesucht. Bild 3: Eine der künstlichen Höhlen im Kastenrevier wird kontrolliert. Mit Hilfe dieser Kästen, die mit Kameras und weiterer Technik ausgestattet sind, erheben die Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse zur Ökologie des Großen Abendseglers.

ÖKOLOGISCHE ANSPRÜCHE UND BEEINTRÄCHTIGUNGEN ERFASSEN

Die Radio-Telemetrie, bei der man Signale mit einer Antenne verfolgen muss, ist eine bereits häufig angewandte Methode auch in der Fledermausforschung. Mit ihrer Hilfe können Tagesquartiere und begrenzt auch Flugwege erhoben werden. In dieser Studie kommt die moderne GPS-Telemetrie zum Einsatz. Sie liefert regelmäßiger und zuverlässiger Daten zu den Aufenthaltsorten. Mittlerweile wiegen die Mini-GPS-Empfänger nur noch 1-2 Gramm. Trägt die Fledermaus einen dieser Logger für einige Tage werden dabei eigenständig Lokalisationen und Daten zur Aktivität in vorprogrammierten Zeitabständen gespeichert. Die gewonnenen Informationen liefern wichtige Erkenntnisse über das Flugverhalten in der Landschaft und zu Ruhephasen ebenso wie zu bedeutenden Lebensraumstrukturen und zu Flughöhen. Nach wenigen Tagen löst sich der Logger wieder vom Fell – mit etwas Glück während der Tagesruhe innerhalb des Kastens, so dass der Sender aufgefunden und ausgelesen werden kann.
Im Rahmen der Pilotstudie an den Plöner Seen wurden im Sommer 2018 zunächst zehn weibliche Abendsegler mit einem GPS-Sender ausgestattet. Fünf der Datenspeicher konnten nach einigen Tagen in den Kästen wiedergefunden werden, ihre Auswertung dauert an. Erste Einblicke in die vielen GPS-Daten weisen darauf hin, dass sich die Tiere uneingeschränkt in ihrem Lebensraum fortbewegt haben und große Flugstrecken von mehreren Kilometern Länge zurückgelegt haben. Die abschließende Analyse der Daten ist für das Frühjahr 2019 vorgesehen.

Fledermauskundler Karl Kugelschafter liest die Daten eines Loggers aus, der über Tage die Aktivität an einer Wochenstube weiblicher Abendsegler aufgezeichnete hat.

In den Kastenrevieren an den Plöner Seen sollen zudem Kot-Analysen Auskunft über die Zusammensetzung der Beutetiere geben und Lichtschranken-Systeme die Aktivitätsdynamik an Kunsthöhlen erfassen. Darunter auch Kästen, die einigen Individuen als Winterquartier dienen. Mit Hilfe der Kästen können durch Kontrollen im Spätsommer auch Reproduktionsraten ermittelt werden.

Film- und Tonaufnahmen der Fledermauskundler an den künstlichen Höhlen ermöglichen faszinierende Einblicke in das versteckte Leben der Großen Abendsegler.

Fledermaus im Flug

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