Schutzwaldsanierung im Gamsrevier

Beispiele für Zielkonflikte

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Im typischen Lebensraum der Gämse wird seit 30 Jahren die sogenannte Schutzwaldsanierung betrieben. Ziel der Schutzwaldsanierung ist es unter anderem, das sogenannte Sanierungsflächen, also meist Freiflächen in lichten Waldstrukturen, mit Wald besiedelt werden. Die aufgeforsteten Flächen sollen z.B. Lawinen verhindern und dem Objekt- und Hochwasserschutz der Tallagen dienen. Lediglich knapp ein Drittel dieser Flächen dient dem konkreten Objektschutz in den Tallagen.

Hamburg, 19. Juli 2018

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Hintergrund

Um die kleinräumigen Sanierungsflächen im Bergwald werden großräumig sogenannte Sanierungsgebiete definiert, in denen sich die Waldverjüngung besser etablieren soll. Zu diesem Zweck gibt es fast im gesamten Bayerischen Alpenraum gesonderte Verordnungsgebiete, in denen die Schonzeit aufgehoben wurde und ganzjährig die Jagd auf Gams-, Rot- und Rehwild ausgeübt werden darf. Allein in Oberbayern ist dies auf über 30.000 Hektarn der Fall. Die Bayerischen Staatsforsten (Bay SF [AöR]), die für das Bundesland Bayern etwa 80 % des Gamslebensraums bewirtschaften, erlegen beinahe jede fünfte Gams in diesen Schonzeitaufhebungsgebieten.

Gleichzeitig ist es aber möglich, dass auf diesen Flächen besonders wertvolle Biotope liegen, die viel Licht benötigen und durch den Verbiss des Schalenwildes eigentlich gefördert werden. Außerdem gibt es Flächen, die vor allem im Winter von Skitouristen oder Wanderern freiwillig gemieden werden - in denen aber ganzjährig gejagt werden darf.

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat Beispiele flächenscharf zusammengetragen, in denen sich die Ziele der Schutzwaldsanierung und der damit verbundenen Schonzeitaufhebung auf ein und dergleichen Fläche mit den Zielen des Biotopschutzes, des Tourismus, der Waldweide oder des Wildtierschutzes widersprechen. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert daher eine kritische Prüfung aller Gebiete, in denen die Schonzeit für Gämse, Rehe und Rothirsche aufgehoben worden ist.

  • Beispiel 1: Waldweide im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

    garmisch-partenkirchen

    Zielkonflikt: Waldweide versus Schutzwald

    Ort: Landkreis Garmisch-Partenkirchen

    Eigentumsverhältnisse: überwiegend Staatswald (BaySF Forstbetriebe Oberammergau & Bad Tölz)

    Beschreibung: In den bayerischen Alpen hat die Waldweide eine lange Tradition: Dabei wird das Nutzvieh in den Wald getrieben, damit es sich dort Futter sucht und Unterstand findet. Waldweide hat heute als landwirtschaftliche Nutzungsform zwar keine Bedeutung mehr, als Instrument des Naturschutzes ist es jedoch sehr gefragt. Durch Waldweide entstehen offene bzw. halboffene Strukturen im Bergwald und damit Hot Spots der biologischen Vielfalt. Das Bundesland Bayern hat eine besondere Verantwortung für die ökologische Vielfalt durch Beweidung. Dabei ist es unerheblich, ob die Strukturen im Bergwald durch Nutzvieh oder das wildlebende Schalenwild beeinflusst werden. Das Gamswild hilft durch Äsung diese Strukturen zu erhalten. Seine ganzjährige Bejagung steht im Widerspruch zu den Zielen der Waldweide.

    Ausmaß: Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist auf 5.535 ha die Schonzeit auf Gämse, Reh- und Rotwild aufgebhoben. 68 % (3.762 ha) der Schonzeitaufhebungsflächen liegen gleichzeitig auf Waldweideflächen.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

  • Beispiel 2: Schutz wertgebender Vogelarten und Offenland-Biotope im Mangfallgebirge

    mangfallgebirge

    Zielkonflikt: Artenschutz versus Schutzwald

    Ort: FFH & SPA „Mangfallgebirge“ (8336-371/ -471); Landkreis Miesbach

    Eigentumsverhältnisse: überwiegend Staatswald (BaySF Schliersee)

    Beschreibung: Das Mangfallgebirge beherbergt wertvolle Lebensräume für alpine Vögel wie Steinadler, Raufußhühner, diverse Spechtarten, Berglaubsänger oder Zwergschnäpper. Von besonderem Wert sind die im FFH-Gebiet befindlichen Offenland-Biotope der Weißachaue mit ihren charakteristischen Artgemeinschaften, wie z.B. orchideenreichen Kies-, Trocken- und Kalkmagerrasen und der naturnahen Auwaldabfolge. Gamswild und andere Wiederkäuer könnten durch Verbiss diese wichtigen Offenland-Biotope erhalten und fördern. Die ganzjährige Bejagung auf einem Teil der Schutzgebietsfläche und davon auf 260 ha wertgebenden Offenland-Biotopen stehen den Zielen des Artenschutzes entgegen.

    Ausmaß: Auf ~ 2.500 ha und damit 16 % des SPA ist die Schonzeit ganzjährig zur Vergrämung des Schalenwildes aufgehoben. Davon liegen wiederum knapp 260 ha in ausgewiesenen Offenland-Biotopen.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

  • Beispiel 3: Wald-Wild-Schongebiete am „Hochfelln“

    hochfelln

    Zielkonflikt: Schonzeitaufhebung versus Tourismuslenkung

    Ort: Chiemgauer Alpen, Landkreis Traunstein

    Eigentumsverhältnisse: Staatswald (BaySF Ruhpolding)

    Beschreibung: Der Hochfelln ist ein Berg in den Chiemgauer Alpen, der durch sein umfangreiches Wanderwegenetz und einen weiten Blick auf den Chiemsee ein beliebtes Tourenziel ist. In diesem Gebiet sind vier Wald-Wild-Schongebiete (WWS) vom Deutschen Alpenverein (DAV) ausgewiesen, in denen Raufußhühner und andere Wildtiere vor Störungen und Beeinträchtigungen durch Wintersportler bewahrt werden sollen. In allen diesen WWS darf aber ganzjährig gejagt werden. Die Schonzeitaufhebungsverordnung steht hier im Widerspruch zu den Zielen der Tourimuslenkung

    Ausmaß: Im Bereich des Hochfelln darf auf einer zusammenhängenden Fläche von 1.618 ha ganzjährig auf Gämse, Rehe und Rotwild gejagt werden. In diesem arrondierten Gebiet liegen die WWS „Torauschneid“ (44 ha), „Gröhrkopf Süd“ (5 ha), „Felln Alm“ (37 ha) und „Hinter-Alm Schindeltal-Diensthütte“ (12,5 ha), die zwar nicht durch Touristen gestört werden sollen, die aber gleichzeitig zu 100 % von der Schonzeitaufhebung betroffen sind.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

  • Beispiel 4: Ganzjährige Jagd in der Felsregion am „Mittersee“

    mittersee

    Zielkonflikt: Schonzeitaufhebung versus Wildtierschutz

    Ort: Landkreis Traunstein, nördlich des Mittersees

    Eigentumsverhältnisse: Staatswald (BaySF Forstbetrieb Ruhpolding)

    Beschreibung: Die wichtigsten Lebensraumkomponenten der Gämse sind je nach Jahreszeit warme, sonnige Lagen mit geringer Schneedecke im Winter, produktive Grasflächen und immer steile Rückzugsgebiete. Das kann eine Wand im Hochgebirge ebenso sein wie ein steiler Felsgrat im Bergwald. Gebiete mit einem hohen Felsanteil sind daher ein wichtiger Rückzugsraum für Gämse, in denen von Natur aus kaum ein Risiko für zu hohen Verbiss an der Waldverjüngung besteht. Die ganzjährige Jagd in den felsigen Regionen nördlich des Mittersees steht im Widerspruch zu einem fairen Umgang mit den Gämsen in den Bayerischen Alpen.

    Ausmaß: 23 % des 306 ha großen Schonzeitaufhebungsgebietes nördlich des Mittersees sind von Fels bedeckt.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

  • Beispiel 5: Auerhuhnschutz in den östlichen Chiemgauer Alpen

    chiemgauer

    Zielkonflikt: Artenschutz versus Schutzwald

    Ort: SPA „Östliche Chiemgauer Alpen“ (8241-401); LK Traunstein (66 %) und LK Berchtesdadener Land (34 %)

    Eigentumsverhältnisse: Staatswald (BaySF Forstbetrieb Ruhpolding & Berchtesgaden)

    Beschreibung: Die östlichen Chiemgauer Alpen sind einer der wichtigsten Lebensräume für Rauhfußhühner in Bayern. In den reich strukturierten Wäldern finden Auer- und Birkwild lückige Altholzbestände und lichte Wälder mit einer geschlossenen Kraut- und Strauchschicht. Gamswild und andere Wiederkäuer könnten durch Verbiss diese wichtigen Offenland-Biotope erhalten. Die großflächige Schutzwaldsanierung und die damit verbundene ganzjährige Bejagung auf einem Viertel der Schutzgebietsfläche steht den Zielen des Artenschutzes entgegen.

    Ausmaß: Auf ~ 3.200 ha und damit 25 % des SPA ist die Schonzeit ganzjährig zur Vergrämung des Schalenwildes aufgehoben. Davon liegen wiederum knapp 350 ha in ausgewiesenen Offenland-Biotopen.

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  • Beispiel 6: Ganzjährige Jagd außerhalb des Schutzwaldes am „Teisenbergkopf“

    teisenberg

    Zielkonflikt: Schonzeitaufhebung ohne Schutzwaldausweisung versus Tourismuslenkung

    Ort: Wald-Wild-Schongebiet „Teisenbergkopf“, Landkreise Traunstein & Berchtesgadener Land

    Eigentumsverhältnisse: Staatswald (BaySF Forstbetrieb Berchtesgaden)

    Beschreibung: Wald-Wild-Schongebiete sind vom Deutschen Alpenverein (DAV) ausgewiesene Gebiete, in denen Raufußhühner und andere Wildtiere vor Störungen und Beeinträchtigungen durch Wintersportler bewahrt werden sollen. Das Skitouren- und Schneeschuhgehen ist dort nicht naturverträglich. Auf einem Viertel der Fläche des Wald-Wild-Schongebietes „Teisenbergkopf“ darf aber ganzjährig und damit auch während der Skisaison gejagt werden. Gleichzeitig wurde am Teisenbergkopf die Schonzeit auf einer Fläche aufgehoben, die nicht einmal als Schutzwald ausgewiesen worden ist.

    Ausmaß: Auf 125 ha und damit 28 % des Wald-Wild-Schongebietes (WWS) „Teisenbergkopf“ darf ganzjährig gejagt werden. 49 Hektar Schonzeitaufhebungsfläche innerhalb des WWS und weitere 120 ha außerhalb des WWS sind nicht einmal als Schutzwaldsanierungsfläche ausgewiesen.

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  • Beispiel 7: Waldweide im Berchtesgadener Land

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    Zielkonflikt: Waldweide versus Schutzwald

    Ort: Berchtesgadener Alpen; Landkreis Berchtesgadener Land

    Eigentumsverhältnisse: überwiegend Staatswald (BaySF Berchtesgaden)

    Beschreibung: In den bayerischen Alpen hat die Waldweide eine lange Tradition: Dabei wird das Nutzvieh in den Wald getrieben, damit es sich dort Futter sucht und Unterstand findet. Waldweide hat heute als landwirtschaftliche Nutzungsform zwar keine Bedeutung mehr, als Instrument des Naturschutzes ist es jedoch sehr gefragt. Durch Waldweide entstehen offene bzw. halboffene Strukturen im Bergwald und damit Hot Spots der biologischen Vielfalt. Das Bundesland Bayern hat eine besondere Verantwortung für die ökologische Vielfalt durch Beweidung. Dabei ist es unerheblich, ob die Strukturen im Bergwald durch Nutzvieh oder das wildlebende Schalenwild beeinflusst werden. Das Gamswild hilft durch Äsung diese Strukturen zu erhalten. Seine ganzjährige Bejagung steht im Widerspruch zu den Zielen der Waldweide.

    Ausmaß: Im Landkreis Berchtesgadener Land ist auf 5.935 ha die Schonzeit auf Gämse, Reh- und Rotwild aufgebhoben. 39 % (2.312 ha) der Schonzeitaufhebungsflächen liegen gleichzeitig auf Waldweideflächen.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

  • Beispiel 8: Ganzjährige Jagd im Nationalpark Berchtesgaden

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    Zielkonflikt: Prozessschutz versus Schutzwald

    Ort: Nationalpark Berchtesgaden, Landkreis Berchtesgadener Land

    Eigentumsverhältnisse: Staatswald; Nationalparkverwaltung

    Beschreibung: Im Gegensatz zur Normallandschaft stehen in einem Nationalpark die Ziele des Natur-, Arten- und Prozessschutzes im Mittelpunkt. Die ökologischen Effekte von wildlebenden Huftieren sollten hier als ein natürlicher Prozess begriffen, unterstützt und geschützt werden. Denn Gämse, Rot- und Rehwild haben einen ökologischen Zweck und sind der Schlüssel für viele ökologische Prozesse. Überall dort, wo ein ernstgenommener Prozessschutz alle anderen Ziele und menschlichen Eingriffe ausschließt, sollte also auch die Jagd ganzjährig ruhen. Umgekehrt steht die ganzjährige Jagd in Teilen des Nationalparks Berchtesgaden in einem völligen Widerspruch zu den Zielen des Prozessschutzes.

    Ausmaß: An der nördlichen Grenze des Nationalparks Berchtesgaden befinden sich vier Schonzeitaufhebungsgebiete mit einer Gesamtfläche von 833 ha.

    Die Karten und Texte können Sie hier als PDF herunterladen.

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