Haselmaus – Schutz im Großstadt-Dickicht

Ein Projekt zum Schutz der Haselmaus in Hamburg und Schleswig-Holstein

Eine Haselmaus in einem Laubnest

Die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild und die Deutsche Wildtier Stiftung haben die die Haselmaus zum Tier des Jahres gekürt. Damit bekommt der bedrohte Bilch nicht nur mediale Aufmerksamkeit, sondern auch die Unterstützung der Deutschen Wildtier Stiftung mit einem Projekt.

Das unternehmen wir für das Tier des Jahres 2017

Die Haselmaus ist ein nachtaktiver Nager, daher bleibt ihre Anwesenheit vom Menschen häufig unbemerkt – ebenso wie ihr Rückgang in einigen Teilen ihres Verbreitungsgebietes. Die Hauptursache ist das Verschwinden ihres Lebensraumes. Sie lebt vorwiegend in artenreichen Mischwäldern mit dichtem Unterholz und benötigt ein abwechslungsreiches Nahrungsangebot. Durch die ertragsorientierte Forstwirtschaft und Waldzerschneidungen werden ihre Lebensräume zunehmend zerstört.

Wir unterstützen die Haselmaus mit drei Aktivitäten:

  • Forschungsprojekt zur Nahrung von Haselmäusen
  • Haselmaus-Monitoring mit Naturbildung
  • Lebensraum und Nahrung duch das Pflanzen von Hecken

Forschung: Was frisst die Haselmaus?

Untersuchung der Nahrung von Haselmäusen aus Sachsen und Hessen

Über die Nahrung der Haselmäuse ist bisher bekannt, dass sie im Frühjahr Pollen und Knospen, im Sommer Beeren und Früchte und im Herbst fetthaltige Samen und Nüsse bevorzugen. Wie der Name vermuten lässt, sind Haselnüsse eine beliebte Nahrungsquelle. Sie sind jedoch nicht lebensnotwendig. Haselmäuse kommen auch in Lebensräumen vor, in denen es keine Haselsträucher gibt. Auch Insekten gehören auf ihren Speiseplan. Je nach Gebiet und Jahreszeit machen die einzelnen Bestandteile einen unterschiedlich starken Anteil an der Gesamtnahrung aus.

Den Nahrungsansprüchen der Haselmäuse werden am ehesten naturnahe Wälder gerecht. Hier sind viele unterschiedliche Gehölzarten vorhanden. Die Bäume sind unterschiedlich alt und die Strukturvielfalt ist hoch.
Laub- und Mischwälder mit Baumbeständen unterschiedlicher Altersklassen und einer artenreichen Strauchschicht gelten als ideale Haselmaus-Lebensräume. Gerade lichtliebende Straucharten, die mit ihren Blüten, Pollen und Beeren die Nahrungsgrundlage darstellen, werden als wesentliche Voraussetzung für das Vorkommen von Haselmäusen angesehen. Zu diesen lichtliebenden Straucharten zählen zum Beispiel Hasel, Weiß- oder Schlehdorn. Sie benötigen Licht, um blühen und fruchten zu können.

Eine Haselmaus auf einem Brombeerzweig

Überraschend ist daher, dass Haselmausvorkommen in reinen Buchenwäldern festgestellt wurden, in denen die ausgeprägte Strauchschicht fehlt. Ebenso gibt es Nachweise in artenarmen Fichtenwäldern der höheren Berglagen. Wir haben daher die Frage gestellt: Was fressen Haselmäuse in so untypischen Lebensräumen?

UNTERSUCHUNG VON KOTPROBEN MIT MIKROSKOP UND GENANALYSE

Bei der Analyse des Speiseplans der Haselmaus arbeitet die Deutsche Wildtier Stiftung mit ausgewiesenen Haselmausexperten zusammen. Sven Büchner und seine Kollegin Nicolle Bräsel kennen bereits viele Bestandteile der Haselmauskost. 2016 haben sie aus fünf Waldgebieten in Sachsen (Oberlausitz, Vogtland, Erzgebirge) und Hessen (Knüll) über eine Haselmaussaison hinweg Kotproben aus speziellen Haselmauskästen, die für das Monitoring der Art aufgehängt wurden, gesammelt und anschließend unter dem Mikroskop untersucht. Über 500 Proben kamen zusammen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die verdauten Blüten, Früchte und Samen bis auf Artniveau bestimmen lassen. Insektenreste oder Pflanzenfasern, die man vor allem in Kotproben aus den Buchen- und Fichtenwäldern fand, lassen sich jedoch nicht vollständig mit Hilfe des Mikroskops identifizieren. Gerade in diesen sehr speziellen Lebensräumen, ist es wichtig zu wissen, wovon sich Haselmäuse ernähren. Das ist Voraussetzung, um effektive Schutzmaßnahmen umzusetzen.

Lösen molekulargenetische Methoden das Rätsel der Haselmaus-Vorkommen in ungewöhnlichen Lebensräumen?

Um die taxonomische Auflösung des Nahrungsspektrums in den eher untypischen Lebensräumen erstmals genauer bestimmen zu können, unterstützt die Deutsche Wildtier Stiftung die beiden Experten bei einer molekulargenetischen Untersuchung von Haselmaus-Kotproben.

28 der 518 Proben wurden zusätzlich einer DNA-Analyse unterzogen. Hierbei werden in einem aufwändigen Verfahren bestimmte genetische Abschnitte der Erbsubstanz gefressener Pflanzen und Tiere mit bereits bekannten Abschnitten aus einer Gen-Datenbank verglichen. So können die einzelnen Bestandteile des Haselmauskots mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmten Arten zugeordnet werden. Diese Untersuchung ist die erste systematische molekulargenetische Kotprobenanalyse bei einer Schlafmausart.

Eine Haselmaus auf einem Zweig

ERSTE ERGEBNISSE DER STUDIE

Die Ergebnisse liefern erste Erkenntnisse der Nahrungsbestandteile von Haselmäusen in bisher eher unbekannten Lebensräumen:

Ergebnis 1: Neben Insekten fressen Haselmäuse auch Spinnentiere
Sven Büchner und Nicolle Bräsel haben herausgefunden, dass Haselmäuse neben Insekten auch Spinnen als Nahrung nutzen.

Ergebnis 2: In untypischen Habitaten fressen Haselmäuse vor allem Blätter von Buche und Fichte
Eine weitere neue Erkenntnis dieser Untersuchung: Bisher wurde vermutet, dass sich Haselmäuse in reinen Buchen- und Fichtenwäldern vor allem von Insekten ernähren, da in diesen Habitaten die artenreiche Strauchschicht und damit Beeren und Früchte fehlen. Die Analyse der Kotproben deutet darauf hin, dass in diesen untypischen Habitaten vegetative Pflanzenteile, wie Blätter oder Rinde – insbesondere von Buche, Fichte, Birke und Ahorn – einen unerwartet großen Anteil in der Nahrung ausmachen. Bisher ging man davon aus, dass Haselmäuse Blätter (aufgrund ihres fehlenden Blinddarms) nicht verdauen können und daher auch nicht fressen.

Rätsel nicht ganz gelöst, aber einen Schritt weiter

Weitere Nahrungsanalysen sind nötig

Während Haselmäusen in Buchenwäldern Bucheckern zur Verfügung stehen, um ausreichend Energiereserven für den Winterschlaf anzufressen, ist es weiterhin unklar, wie es den Haselmäusen in den Fichtenforsten gelingt, ausreichend Körpermasse für den Winterschlaf aufzubauen. Die im Kot gefundenen Pflanzenfasern gelten als wenig verdaulich und sind zudem energiearm. Mit diesen vorläufigen Ergebnissen kann daher noch nicht erklärt werden, wie Haselmäuse in den Fichtenforsten der höheren Lagen im Stande sind, stabile Populationen aufzubauen. Dies ist insbesondere erstaunlich, da nach bisherigem Kenntnisstand Haselmäuse im Tiefland reine Fichtenbestände meiden.

Einschränkend ist anzumerken, dass nach einem Untersuchungsjahr das Ergebnis nur als vorläufig zu interpretieren ist. Denn die Nahrung von Haselmäusen kann jährlich schwanken. So wurde bei Untersuchungen in Litauen über einen Zeitraum von fünf Jahren in einem der Jahre ein hoher Anteil an Birkensamen in der Nahrung entdeckt, die zuvor keine Rolle spielten. Bei Haselmäusen im Vogtland wurden in der Vergangenheit regelmäßig Himbeersamen in Kotproben gefunden, die sich in 2016 jedoch gar nicht nachweisen ließen.

Haselmäuse verfügen über eine hohe Anpassungsfähigkeit an die lokalen und jahreszeitlichen Bedingungen. Dies kann mit den ersten Ergebnissen dieser Studie ebenso bestätigt werden. Für das Verständnis der Ökologie der Haselmaus und den Schutz der Art wäre es von großer Bedeutung, gezielt weitere Kotproben aus diesen speziellen Haselmaushabitaten zu sammeln und einer Analyse zuzuführen.

Haselmaus-Monitoring und Naturbildung

Auf der Suche am Rande der Großstadt

Kenntnisse zur Verbreitung der Haselmaus in Deutschland sind in einigen Regionen noch lückenhaft. Die Deutsche Wildtier Stiftung hat jetzt eine Initiative zur Erfassung der Haselmaus am Rande des Hamburger Stadtgebietes gestartet. Hierbei arbeitet sie eng mit den Forstämtern, der Stiftung Naturschutz Schleswig Holstein und der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie zusammen. Im Rahmen dieser Haselmauserfassung ermöglicht die Deutsche Wildtier Stiftung auch Kindern einen Einblick in die versteckte Lebensweise der Haselmaus.

Verbreitung der Haselmaus in Europa und Deutschland
Haselmäuse leben in ganz Mittel- und Südeuropa. Ausnahmen bilden die meisten Mittelmeerinseln und die Iberische Halbinsel. In Großbritannien kommt sie im Süden vor. In Deutschland erstreckt sich das Hauptverbreitungsgebiet über die Südhälfte des Landes, aber auch im Norden und in Nordostdeutschland bis an die Ostseeküste sind einzelne Populationen bekannt. Ausschlaggebend für ihr Vorkommen sind geeignete Lebensräume wie Laubholz geprägte Wälder mit möglichst naturnaher Altersklassen-Zusammensetzung sowie artenreiche Hecken, Gehölze und Waldränder mit vielen unterschiedlichen fruchttragenden Sträuchern. Studien weisen darauf hin, dass dem Alter dieser Lebensräume eine entscheidende Bedeutung für das Vorkommen von Haselmäusen zukommt: Isoliert gelegene Wälder, Hecken – und Knicks in Norddeutschland –, die in den letzten Jahrhunderten zwischenzeitlich vollständig gerodet wurden, werden nur schwer von Haselmäusen wiederbesiedelt. Sie sind nicht in der Lage, offene Kulturlandschaften ohne deckungsbietende Gehölze über weitere Distanzen zu überwinden.

Eine Haselmaus schlafend in einem Nistkasten

Haselmäuse in der Großstadt Hamburg?
Im östlichen und nordöstlichen Hamburger Stadtgebiet wurden Haselmäuse in den letzten Jahren bereits nachgewiesen. Im Rahmen gezielter Verbreitungserhebungen im Auftrag der Umweltbehörde und ehrenamtlicher Expertensuchen wurden ihre typischen Nester jedoch nur sehr vereinzelt aufgefunden. Auf schleswig-holsteinischer Seite östlich entlang der Hamburger Grenze werden dagegen regelmäßig einige stabile Vorkommen nachgewiesen. Man kann daher vermuten, dass Verbindungen zu den bekannten Populationen im angrenzenden Schleswig-Holstein existieren. Zur Verbesserung des Populationsverbundes zwischen geeigneten Lebensräumen in Schleswig-Holstein und Hamburg ist es zunächst notwendig, Vorkommen der Haselmaus zu bestätigen bzw. weiter zu erfassen. Nur auf dieser Grundlage können gezielte Artenschutzmaßnahmen effektiv geplant werden.

Haselmauskästen als Nachweis-Methode
Die Deutsche Wildtier Stiftung geht mit speziellen Haselmauskästen, einer bisher auf dem Hamburger Stadtgebiet nicht angewandten Nachweismethode, auf die Suche nach der Art. Im Grenzgebiet zwischen Hamburgs Osten und Schleswig-Holstein sowie im Süden von Hamburg werden im Frühsommer 2017 in insgesamt vier geeigneten Lebensraumstrukturen Haselmauskästen an Bäumen und Sträuchern angebracht. Sie werden von den Tieren gern als Versteck für die Tagesruhe genutzt. Anders als bei Nistkästen für Vögel befindet sich der Eingang dieser Kästen an der zum Stamm hin gewandten Seite. So ist das Höhlenangebot nur den Tieren vorbehalten, die als Kletterkünstler entlang des Stammes laufen können. Auch Wald- und Gelbhalsmäuse quartieren sich gern in die Kästen ein. Kontrolliert werden die Kästen im Abstand von mindestens vier Wochen. In jedem der ausgewählten Untersuchungsgebiete werden 20 dieser Haselmauskästen für den Zeitraum Sommer bis Herbst installiert.

Naturerlebnis Haselmaus
Auf welche Lebensraumstrukturen die geschützte Art angewiesen ist, was Haselmäuse im Jahresverlauf fressen, welches Verhalten sie auszeichnet und welchen Gefährdungen sie in der Kulturlandschaft ausgesetzt ist, möchte die Deutsche Wildtier Stiftung vor allem Kindern vermitteln. Im Herbst unternimmt sie Veranstaltungen mit Hamburger Kindergärten innerhalb typischer Lebensräume der Haselmaus am Rande der Großstadt. Hier draußen wird gemeinsam nach von Haselmäusen gefressenen Nüssen gesucht und echte Anschauungsobjekte zum Anfassen, wie kunstvoll gewebte Nester gezeigt. Eigens erstellte Illustrationen und Bildungsmaterialien zum Thema Haselmaus sollen kindgerecht informieren – selbstverständlich auch interessierte Erwachsene! Ziel ist es, schon bei Kindern die Begeisterung für den Erhalt der Artenvielfalt – auch in der Stadt – zu wecken.

Schutzmaßnahmen: Hecken für die Haselmaus

Die Ergebnisse der stichprobenartigen Verbreitungserhebung im Grenzgebiet zwischen Hamburgs Osten und Schleswig-Holstein dienen als Grundlage gezielter Haselmaus-Schutzmaßnahmen. Denn der Populationsverbund zwischen Hamburger Vorkommen und bekannten Populationsteilen in Schleswig Holstein soll dort gefördert werden, wo die höchsten Erfolgsaussichten bestehen. Neuanlagen von Hecken und naturnahe Umgestaltungen von Gehölzen sind für das Jahr 2018 geplant. Die Deutsche Wildtier Stiftung arbeitet bei der Planung und Umsetzung dieser Maßnahmen eng mit der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein zusammen, bei der umfangreiche Erfahrungen zu Artenschutzprojekten für die Haselmaus vorliegen.

Haselmaus im Sprung

Haselmaus

Die Haselmaus ist keine Maus im eigentlichen Sinne sondern der kleinste Vertreter europäischer Bilche. Durch ihre versteckte Lebensweise in der Dunkelheit können Haselmäuse kaum beobachtet werden.

Zum Steckbrief
Haselmaus im Nest

Tier des Jahres

Mit der Wahl des „Tier des Jahres“ setzt die Deutsche Wildtier Stiftung die langjährige Arbeit der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild fort. Seit 1992 wird jedes Jahr ein Tier des Jahres gewählt, um es in den öffentlichen Fokus zu rücken.

Zum Projekt
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