Naturerlebnis in zauberhaften Bildern

Ihre Kinderbücher sind preisgekrönt, ragen aus der Masse des Literaturangebotes für kleine Leser heraus – durch fantasievolle Illustrationen, biologische Genauigkeit und gelegentlich eine Prise Humor. Gespräch mit der Illustratorin Anne Möller.

Berlin, 13. Mai 2015

Frau Möller, was war für Sie der Anstoß, Kinderbücher zu schreiben?

Ich habe Illustration studiert. Daher ist es mein Beruf, Bücher zu bebildern. Das erste Buch, zu dem ich auch den Text geschrieben habe, ist aus meiner Diplomarbeit entstanden. Da ich dafür Thema und Konzept entwickelt hatte, musste ich zumindest provisorisch auch texten.

Ihre Diplomarbeit wurde dann später als Kinderbuch veröffentlicht?

Ja, in leicht veränderter Form, unter dem Titel „Über Land und durch die Luft. So reisen die Pflanzen“.

Illustrationen von Anne Möller

Normalerweise bekommt man als Illustratorin den Text vom Verlag?

Ja, wenn ich aber eine eigene Idee zu einem Thema hatte, habe ich gelegentlich auch Bücher komplett mit Bild und Text entwickelt und sie erst dann Verlagen angeboten. Später wurde ich bei Auftragsangeboten zunehmend gefragt, ob ich auch den Text schreiben könnte. Das mache ich gern, weil ich dann Konzept und Aufbau selbst gestalten und gleich darauf achten kann, was sich gut illustrieren lässt.

Was kommt Ihnen denn zuerst in den Sinn – der Inhalt oder die Bilder?

Die inhaltliche Idee kommt zuerst, dann werden Bilder und Text parallel entwickelt und skizziert.

Ich finde Themen aus der Natur einfach interessant. Außerdem sind sie unerschöpflich.

Die Natur stand von Anfang an im Mittelpunkt?

Ja, das hat sich so ergeben und ist bisher auch so geblieben. Ich finde Themen aus der Natur einfach interessant. Außerdem sind sie unerschöpflich.

Sie sind in erste Linie Künstlerin, beschreiben aber die biologischen Fakten sehr genau. Woher kommen die Kenntnisse?

Biologische Themen interessieren mich generell, und so habe ich im Laufe der Zeit einiges mitbekommen. In der Oberstufe habe ich Kunst und Biologie als Leistungsfächer gewählt, mein Vater war Biologielehrer. Wenn ich für meine Bücher speziellere Informationen brauche, muss ich aber erstmal recherchieren und selber lernen. Das ist interessant, aber auch zeitaufwändig und manchmal mühsam. Die Verlage lassen dann bei Sachbüchern in der Regel noch einen Experten Korrektur lesen.

Nach Möglichkeit schaue ich mir meine Motive am liebsten direkt in der Natur an.

Ist es aufwändiger, für die Texte zu recherchieren oder für die Bilder?

Das ist ein riesiger Unterschied. Im Text, speziell für kleine Kinder, bleibe ich eher allgemein und benutzte oft lieber übergeordnete Begriffe, wie Vogel oder Raupe. Bei halbwegs realistischen Bildern gibt es aber keine übergeordneten Darstellungen, sondern nur ganz konkrete Vogel- oder Raupenarten aus hunderten oder tausenden. Auch hinter den Begriffen Kolibri, Zebra oder Giraffe verbergen sich ja diverse Arten, über deren verschiedene Lebensräume man sich informieren muss, um sich dann für eine zu entscheiden. An einige Informationen bin ich nur schwer herangekommen.

An welche?

Zum Beispiel an das Aussehen von Eiern bestimmter Insektenarten, die in Nestern versteckt abgelegt werden. Da war es für mich ein tolles Erlebnis, ganz zufällig einen Tag lang im Garten den Nestbau eines Rüsselkäfers beobachten zu können. Der hat mich zu meinem Buch „Nester bauen, Höhlen knabbern ...“ inspiriert. Eine beglückende Erfahrung, etwas so Spezielles direkt aus der Natur zu lernen. Nach Möglichkeit schaue ich mir meine Motive sowieso am liebsten direkt in der Natur an.

Über Anne Möller

Anne Möller ist freie Illustratorin und Autorin und wurde 1970 in Freiburg geboren. Sie absolvierte nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung als Druckvorlagenherstellerin und studierte von 1993 bis 1998 Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Seit 1998 arbeitet sie als freie Illustratorin, schreibt und illustriert Sach-Bilderbücher für Kinder mit dem Schwerpunkt Natur. Bis heute hat sie über 20 Bücher veröffentlicht. Für „Nester bauen, Höhlen knabbern“ (Atlantis Verlag) erhielt sie 2005 den Deutschen Jugendliteraturpreis für das beste Sachbuch. Anne Möller lebt in Hamburg.

In dem genannten Buch beschreiben Sie ja allerlei kuriose Nestbauten – präzise, detailreich und liebevoll ...

Ich wollte zeigen, was für kleine Wunder einige eher unscheinbare, einzeln lebende Insekten beim Nestbau vollbringen. Beispielsweise der Zigarrenwickler, ein kleiner schwarzer Käfer, der ein Birnbaumblatt anbohrt, wartet, bis es schlaff wird, es dann einrollt und dabei seine Eier in die Falten legt. Oder die Blattschneidebiene, die runde Stücke aus Rosenblättern knabbert, mit ihnen eine Mulde auskleidet und ihr Ei auf ein Bett aus goldenen Pollen und Honig legt ... An der Bauweise solcher Insektennester lässt sich Komplexität und Vielfältigkeit der Natur zeigen, aber es bleibt dabei auch übersichtlich. Jedes Kind kann das nachvollziehen. In den Einleitungen zu den einzelnen Insekten habe ich zunächst versucht, die Verbindung zum Betrachter herzustellen, indem die Insekten in ihrer uns vertrauten Umgebung gezeigt werden. Mit den Querschnitten der Nester, kleinen Schatzkammern, in denen das Ei wie eine Kostbarkeit bewahrt wird, wollte ich die Kinder dann auch emotional ansprechen. Außerdem wird der Nestbau noch in Phasenbildern gezeigt.

Das ist Ihnen erfolgreich gelungen. Ihr Buch wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für das beste Sachbuch ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat Natur für Sie persönlich?

Ich fühle mich in der Natur einfach wohl und zu Hause.

Kommt Ihnen eine prägende Naturerfahrung in den Sinn, wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken?

Es hat mich sicherlich geprägt, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr in einem sehr großen Garten in einem Dorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen bin, der an Wiesen und Wald grenzte. Dort haben wir Gemüse gesät und geerntet, Obst gepflückt, Holz für den Ofen gemacht. Natürlich bot sich auch Raum für Spiele, die wir Kinder uns ausgedacht haben. Von unserem Vater kamen immer wieder mal Anregungen. Zum Beispiel hat er meinem Bruder und mir mal ein Aquarium mit Stichlingen aus dem Gartenteich eingerichtet. Wir haben einfache Angeln gebastelt und damit ein Stichlingspärchen aus dem Teich gefischt. Das hat im Aquarium tatsächlich ein Nest gebaut und Eier gelegt. Ich habe noch genau vor Augen, dass die geschlüpften Jungfische wie ein zartes Wölkchen über dem Nest schwebten. Dann haben wir den Aquariumsinhalt wieder in den Teich geschüttet, denn Jungfische aufzuziehen haben wir uns nicht getraut.

Für welche Bücher haben Sie selbst als Kind geschwärmt?

Das waren fast immer Erzählungen zu ganz unterschiedlichen Themen. An reine Sachbücher kann ich mich nicht erinnern. Es sei denn, man zählt die Bücher von Ali Mitgusch dazu, wie „Bei uns im Dorf“.

Können Sie sich an Bücher aus Ihrer Kindheit erinnern, die Natur zum Thema hatten?

Es gab ein paar Bilderbücher und auch Bücher für ältere Kinder mit zum Teil recht abenteuerlichen Tiergeschichten, die mir gefielen. In besonders schöner Erinnerung habe ich, wie meine Oma mir wochenlang Selma Lagerlöfs „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" vorlas – in der vollständigen Ausgabe mit den Illustrationen von Wilhelm Schulz – auch wenn dort die Natur nur ein Thema von vielen ist.

Was man schon mal abgebildet gesehen hat, interessiert einen in der Wirklichkeit vielleicht stärker und umgekehrt.

Können Naturbücher für Kinder die reale Begegnung mit der Natur ersetzen?

Das glaube ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich Darstellungen in Büchern oder anderen Medien und reale Naturerlebnissen gegenseitig ergänzen und verstärken können. Was man schon mal abgebildet gesehen hat, interessiert einen in der Wirklichkeit vielleicht stärker und umgekehrt. Dazu können Bücher ja auch Aspekte aufzeigen, die in der Natur schwer oder gar nicht zu beobachten sind, beispielsweise, wie Tiere ihre Jungen aufziehen, wie versteckte Baue aussehen oder wie Tiere in für uns abgelegenen Regionen, im Meer oder im Regenwald, leben.

Illustrationen in Büchern fördern Naturverbundenheit?

Um sich in der Natur zu Hause zu fühlen, reichen sie wohl kaum. Dafür sollte man mit allen Sinnen in die Natur eintauchen, sich dort häufiger aufhalten und viel erleben.

Zum Weiterlesen

  • 1
    Nester bauen, Höhlen knabbern

    Autor: Anne Möller

    Atlantis Verlag, 2008

  • 2
    Über Land und durch die Luft

    Autor: Anne Möller

    Atlantis, Orell Füssli, 2007

  • 3
    Im Ameisenbau

    Autor: Anne Möller

    2. Auflage, FISCHER, Meyers Kinderbuch, 2006

  • 4
    Familie Steinkauz

    Autor: Anne Möller

    Atlantis Verlag, 2005

Welche Voraussetzungen muss ein Natur-Kinderbuch erfüllen, damit es Kindern den Zugang zu Natur erleichtert?

Das kann ich nicht allgemein beantworten, Kinder haben ja unterschiedliche Vorlieben. Einige interessieren sich besonders für Fakten, andere lassen sich lieber emotional ansprechen. Ich selbst neige wohl eher zu letzterem, auch wenn man das vielleicht nicht allen meinen Büchern anmerkt.

Ihr kleiner Mauersegler, den die Leser vom Nest bis nach Afrika begleiten, wo er abstürzt und nur mithilfe von Kindern, die ihn hochheben, wieder Luft unter seine Schwingen bekommt und überlebt, weckt in jedem Leser Emotionen ...

Bei Büchern über eine Tierart, wie bei diesem Mauersegler, besteht die Möglichkeit, ein einzelnes Tier zur Identifikationsfigur zu machen, die durch das Buch führt. Auch ein paar Spannungselemente dürfen nicht fehlen. Bei einer mehr aufzählenden Darstellung versuche ich oft, die Kinder durch ein einleitendes Motiv, das ihnen vertraut oder zumindest zugänglich ist, einzubinden.

Bei Ihnen wird die Natur nicht verniedlicht, Tiere werden nicht vermenschlicht ...

Ich finde die Natur, so wie sie ist, ansprechend und faszinierend, habe aber auch schon mal Tiere miteinander reden lassen, um über die Information hinaus eine Geschichte zu erzählen. Für junge Leser von reinen Sachbüchern ist es praktisch, dass sie sich auf die Richtigkeit der Darstellung verlassen können. Es kann ja nicht schaden, wenn Kinder, zumindest zusätzlich zu anderen Darstellungen, ein realistisches Naturbild bekommen, das keine falschen Erwartungen weckt.

Was halten Sie denn von einer Mischung aus fiktiver, phantastischer Erzählung und Naturinhalten?

Durch so eine Mischung kann besondere Anteilnahme geweckt werden und manchmal auch eine magische und poetische Wirkung entstehen, die den Leser über so Manches ins Grübeln bringt. Mir gefällt das sehr gut bei Janell Cannons Buch „Stellaluna“, die Erzählung über ein Flughundkind, das durch einen Unfall in einem Vogelnest landet und dort heranwächst. Ein anderes Beispiel ist „Im Traum kann ich fliegen" von Eveline Hasler und Käthi Bhend. Die Helden dieses Buches sind vermenschlichte Insekten und Würmer, die unter der Erde überwintern, wo es im Frühling zu seltsamen Verwandlungen kommt.

Wollen Sie in erster Linie Wissen vermitteln oder unterhalten?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wohl beides, aber vielleicht nehme ich den Gegensatz auch gar nicht wahr. Es kann ja durchaus unterhaltsam sein, Neues zu erfahren.

Nest Trauerseeschwalben

Was halten Sie von Naturfilmen – eine sinnvolle Ergänzung zu Büchern?

Es gibt großartige Naturfilme, sicher auch solche, die für Kinder geeignet sind. Bücher haben aber den Vorteil, dass man die Seiten ganz in Ruhe, im eigenen Tempo, immer wieder betrachten kann.

Sie arbeiten in Ihren Büchern mit leisem Humor, wenn man an die Aktion des Rotkehlchens auf der Mütze des Gartenzwergs denkt ... reagieren Kinder auf lustige Details aufmerksamer?

Ich hoffe natürlich, dass Kindern solche Details Spaß machen. Vielleicht lenken sie auch mal vom sachlich Wichtigen ab, aber ab und zu eine kleine Auflockerung kann nicht schaden und erhöht möglicherweise sogar die Aufmerksamkeit.

Und woran arbeiten Sie gerade?

Im Moment nehme ich mir etwas Zeit, über ein Naturschutzkonzept nachzudenken und es für Kinder aufzubereiten. Und die nächsten Buchaufträge warten auch schon ...

Das Gespräch führte Susanne Kunckel.