Lebensmittel Natur

Dr. Christiane Schell

Kind Pflückt Himbeeren

Von Politikberatern und Glücksargumenten, Tier-Hitlisten und Nachhaltigkeit – Gespräch mit der Ökologin Dr. Christiane Schell vom Bundesamt für Naturschutz.

Berlin, 01. August 2014

Frau Dr. Schell, welche Naturerfahrung kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken?

Das Dorf am Rhein, in dem ich aufgewachsen bin... das Leben am Fluss, die Aue, das regelmäßige Hochwasser, die Kohlweißlinge und Taubnesseln, die ich bei einem Schulausflug kennen lernte... der große Obst- und Gemüsegarten bei uns zuhause, die Ernte und das Einkochen, die den Sommer prägten.

Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis zur Natur beschreiben?

Liebevoll, respektvoll, aber auch pragmatisch. Ich bin ein Teil der Natur, als biologisches Wesen muss und darf ich sie nutzen, weiß aber um ihre Verletzlichkeit.

Über welche Wege sind Sie zum Naturschutz gekommen?

Ich habe Biologie mit Schwerpunkt Ökologie studiert. Von dort war der Weg zum ehrenamtlichen Engagement bei einem Naturschutzverband und damit zum praktischen Naturschutz nicht weit. Nach dem Studium hatte ich das Glück, in der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie, Vorläufer des heutigen Bundesamtes für Naturschutz, im Rahmen eines Forschungsvorhabens meinen beruflichen Weg im Naturschutz starten zu können. Dort habe ich dann schnell gemerkt, dass für Naturschutz gesellschaftsbezogene Kenntnisse ebenso wichtig sind wie ökologische.

Christina Schell

Wie viel Naturschutz sollte sich unsere Gesellschaft leisten?

Das ist eine gesellschaftliche Vereinbarung. Wie viel Naturschutz sie sich derzeit leistet, lässt sich beispielsweise an Naturschutzgesetzgebungen von Bund und Ländern ablesen, am Umfang konkreter Schutzgebietsausweisungen, an Finanz- und Personalmitteln, die für Naturschutz eingesetzt werden, aber auch an der Gefährdungssituation vieler Lebensraumtypen oder Tier- und Pflanzenarten. Die Entwicklungen sind an manchen Stellen positiv, an vielen negativ. Unsere Gesellschaft sollte sich so viel Naturschutz leisten, dass wir alle bei guter Lebensqualität existieren können. Dazu gehören für mich Möglichkeiten positiver Naturerfahrungen für Körper, Geist und Seele wie die Bereitstellung nachhaltig produzierter und gesunder Lebensmittel. Davon profitiert auch die Vielfalt unserer Natur.

Haben Sie eigentlich durch Ihre Arbeit im Bundesamt für Naturschutz konkrete Einflussmöglichkeiten auf politische Entwicklungen?

Wir sehen uns in erster Linie als wissenschaftliche „Politikberater“. Es gibt allerdings Einflussmöglichkeiten „im Kleinen“. Beispielsweise werden die Ergebnisse unserer zweijährlichen Umfragen zum Naturbewusstsein, unserer Umweltethikstudien oder unsere Studien zu Ökosystemleistungen von der Politik beachtet und diskutiert. Insofern können sie in politische Entwicklungen münden.

Gelegentlich werden Naturschützer in der Öffentlichkeit eher als Verhinderer wahrgenommen – Stichwort bedrohte Mopsfledermaus oder Feldhamster – Tiere, die umfängliche Bauprojekte ins Stocken brachten. Geht Naturschutz da zu weit?

Zunächst einmal ist es doch legitim, dass sich Naturschützer für ihr Schutzobjekt einsetzen. Alles andere wäre verwunderlich. Und in Zeiten großer Nutzungskonflikte, sei es hinsichtlich der Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung, des Ausmaßes der Landschaftszerschneidung oder der mancherorts scheinbar unkoordinierten Planungen von Windparks, fühlen sich viele Naturschützer in die Enge getrieben. Da kann es auch schon mal passieren, dass sie sich für andere Interessen instrumentalisieren lassen. Wichtig ist eine faire gesellschaftliche Aushandlung in Konfliktfällen. Dabei sind besonders bei allen landschaftsbezogenen Planungen die Argumente des Naturschutzes ernst zu nehmen. Das Stichwort heißt Bürgerbeteiligung. Die Verfahren sind nicht immer einfach, denn die meisten Beteiligten müssen erst noch lernen, den Argumenten der Gegenseite zuzuhören.


Die Natur bietet viele Spielplätze – sie müssen nur entdeckt werden.

Natur-Kenntnisse sind hier zu Lande ungenügend bis mangelhaft – viele Menschen können keine fünf Baumarten unterscheiden. Wie kann man das verbessern bei Leuten, die Natur höchstens als Freizeitpark wahrnehmen?

Durch kreative Bildungsarbeit! Warum soll es nicht auch spannend sein, fünf Baumarten in einem Freizeitpark unterscheiden zu können? Wir müssen unsere Erzieher und Lehrer so ausbilden, dass sie Natur-Kenntnisse mitbringen und sie in Kindergärten und Schulen spielerisch vermitteln. Immerhin ist der Wert frühkindlicher Naturerfahrung hinlänglich belegt.

Ist der Wald der beste Spielplatz?

Auf jeden Fall ein sehr vielseitiger. Aber auch Wiesen und Felder, kleine Tümpel oder der Meeresstrand eignen sich zum Spielen. Die Natur bietet viele Spielplätze, übrigens auch in der Stadt. Sie müssen nur entdeckt werden – am besten von den Kindern selbst.

Welche Möglichkeiten haben Sie, Kinder und Jugendliche für die Natur zu begeistern?

Beruflich habe ich dazu keine unmittelbare Möglichkeit, außer durch Förderung von Jugendkongressen oder über Veranstaltungen für Multiplikatoren aus dem Bildungsbereich. Privat versuche ich aber so oft wie möglich, Kinder und Jugendliche auf Phänomene in der Natur aufmerksam zu machen... auf einen blühenden Apfelbaum, einen Zitronenfalter oder den Zug der Kraniche.

Liebe zur Natur kann nicht verordnet werden. Sie muss wachsen. Dazu muss man Natur erleben. Wird das in Schulen und Kindergärten zu wenig praktiziert?

Das kann ich nicht beurteilen. Naturerlebnisse sollten aber im Kindergarten und im Schulalltag regelmäßig ermöglicht werden. Vor allem in Kitas kann der spielerische Umgang mit Natur bzw. Naturmaterialien eine der preiswertesten und kreativsten Beschäftigungen für und mit Kindern sein.

Im Rahmen von Naturschutz wird viel von Nachhaltigkeit gesprochen. Ein abstrakter Begriff, der Naturgefühle auszuklammern scheint ...

Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der in den 1970er Jahren in der internationalen Umwelt- und Naturschutzpolitik geprägt wurde. Er ist wichtig in der Umweltbildungsarbeit, weil es bei der Sicherung von Natur und biologischer Vielfalt nicht nur um Schutz gehen muss, sondern auch um eine nachhaltige Nutzung und einen gerechten Ausgleich der Vor- und Nachteile aus der Nutzung. Die UN-Dekade ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ 2005-2014 geht zwar gerade zu Ende, aber hoffentlich mit einem Aktionsprogramm weiter. Naturerleben, Naturerfahrung, Naturbeziehung sind wichtige Facetten in dieser Naturschutz-Kommunikations- und Bildungsarbeit.

Wir schützen die Natur, weil sie schön ist und unser Leben bereichert.

Der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber empfiehlt, nicht dauernd auf Nachhaltigkeit zu pochen, sondern lieber auf Lebendigkeit. Was halten Sie davon?

Lebendigkeit ist ein schönes Bild für die Vielfalt und den Wert der Natur. Wir versuchen die Menschen übrigens nicht nur über Klugheits-Argumente zu erreichen, etwa: Wir müssen nachhaltig leben, um nachkommenden Generationen eine intakte Erde zu hinterlassen. Auch Gerechtigkeits- und Glücks-Argumente kommen zum Einsatz, wie: Wir schützen die Natur, weil sie schön ist und unser Leben bereichert - je nachdem, um welche Zielgruppe und welchen Kontext es sich handelt.

Was halten sie von Naturschutz-Magazinen für Kinder, etwa „Kinatschu“?

Gut gemachte Naturschutz-Magazine sind eine Bereicherung im Bildungs- und Spielalltag – für Kinder, Eltern und Erzieher. Im Idealfall machen sie Kinder neugierig und locken sie zur Naturerkundung ins Freie. Wenn sie das erreichen, haben sie ihren „Bildungsauftrag“ erfüllt.

Im September findet auf Rügen ein Jugendkongress zur Biodiversität 2014 statt. Welche Erfahrung haben Sie mit solchen Veranstaltungen?

Das Bundesamt für Naturschutz, das Bundesumweltministerium und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt haben im Frühjahr 2011 den ersten Jugendkongress zur Biodiversität organisiert. Ich selbst war dabei und bin bis heute beeindruckt, mit welchem Engagement, mit wie viel Wissen und Disziplin die jungen Leute über schwierige lokale und globale Naturschutzthemen diskutierten. Darum bin ich optimistisch, dass auch der zweite Jugendkongress ein voller Erfolg wird. Fast alle Teilnehmer fungieren ja als Multiplikatoren und tragen ihre Erfahrungen weiter.

Über Christiane Schell

Dr. Christiane Schell studierte Biologie mit dem Schwerpunkt Ökologie in Bonn und ist seit vielen Jahren im Bundesamt für Naturschutz tätig, wo sie aktuell die Abteilung für Grundsatzangelegenheiten des Naturschutzes leitet. Thematisch befasst sie sich insbesondere mit den gesellschaftlichen Themenfeldern Naturbewusstsein, Naturbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung, Umweltethik, Kommunikation und Akzeptanz sowie Strategiefragen im Naturschutz.

Christiane Schell lebt mit ihrem Mann in Bonn und hat zwei „jung-erwachsene“ Kinder.

Kind im Wald

Ebenfalls im September wird in Mainz der 32. Deutsche Naturschutztag veranstaltet. Sind Kinder und Jugendliche daran beteiligt?

Beim Deutschen Naturschutztag (DNT) gibt es bisher kein spezielles „Format“ für Kinder und Jugendliche. Allerdings wird im Rahmen der offiziellen Eröffnungsveranstaltung beim DNT 2014 erstmals ein offizieller Jugendvertreter sprechen. Mit ihm und weiteren Vertretern von Naturschutzjugendverbänden wollen wir uns demnächst zusammensetzen, um über mögliche Formen der Beteiligung und Mitwirkung von Jugendlichen zu sprechen. Der DNT 2016 wird auf jeden Fall ein anderes Gesicht haben.

Sie veröffentlichen die „Tiere und Pflanzen des Jahres“. 2014 macht der Grünspecht das Rennen bei den Vögeln, die Gelbbauchunke bei den Lurchen, die Goldschildfliege bei den Insekten und die Traubeneiche bei den Bäumen. Welchen Sinn haben solche Hitlisten?

Ich mag diese jährliche Würdigung besonderer Arten und Lebensräume, weil sie die Aufmerksamkeit oft auf unbekanntere Tiere und Pflanzen lenkt und manchmal Unscheinbares oder Vergessenes ans Licht geholt wird. Eine schöne Idee.

Zurzeit verschwinden in Deutschland täglich rund 113 Hektar Natur – das sind 158 Fußballfelder. Bis 2020 soll dieser Flächenverbrauch auf täglich 30 Hektar reduziert werden. Ist das zu schaffen?

Ein sehr kompliziertes Ziel in der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Ich weiß nicht, ob es bis 2020 erreicht werden kann. Wichtig ist, dass alle Akteure sich weiterhin dafür einsetzen, dass Flächenversiegelung und Zerschneidung von Landschaften in Deutschland eingedämmt werden.

Bis 2020 soll ein Zwanzigstel der deutschen Wälder als Urwald wachsen können ...

So ist es. Nach der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt sollen fünf Prozent der Wälder in Deutschland bis 2020 aus der Nutzung genommen werden, was bedeutet, dass forstwirtschaftliche Nutzung endet.

Sind Kulturlandschaft und Wildnis eigentlich ein Widerspruch?

Für mich nicht. In einem so vielfältigen Land wie Deutschland ist es sehr gut möglich, eine reichhaltige Kulturlandschaft zu erhalten und dazu an geeigneten Orten sogenannte Wildnisgebiete auszuweisen. Die aktuelle Umfrage zum Naturbewusstsein in Deutschland von 2013 belegt, dass die meisten Menschen dazu eine positive Einstellung haben.

Stichwort Klimawandel: Wie können wir helfen, unsere Natur darauf vorzubereiten?

Aufgabe des Naturschutzes ist es, insbesondere diejenigen Lebensräume und Ökosysteme intakt zu halten oder zu renaturieren, die durch Kohlenstoffspeicherung und -aufnahme das Klima schützen. Darüber hinaus soll auch die natürliche Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen an den Klimawandel vergrößert werden. Derartige Maßnahmen zielen auf ein Zusammenwirken von Naturschutz, Klimaschutz und Klimaanpassung ab und sind häufig kostengünstiger als technische Lösungen. Gute Beispiele für naturverträgliche Lösungen gibt es vor allem im Bereich des Hochwasser- und Küstenschutzes, aber auch beim Moorschutz oder beim Erhalt alter Wälder.

Umfassende Allgemein– und Naturbildung gehören unbedingt zusammen.

Wie weit ist die Vernetzung von europäischen Ökosystemen gediehen?

Das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 existiert. Aber alle Staaten müssen etwas dafür tun, dass die Qualität der Gebiete erhalten bleibt. In Deutschland sind viele sogenannte Lebensraumtypen, beispielsweise Grünland oder Moore, Sümpfe und Quellen, in ihrem Bestand und in ihrer Artenausstattung gefährdet. Positive Entwicklungen zeigen die Lebensräume Felsen und Schutthalden. Es ist also keine Zeit, sich in Europa bezüglich des Schutzgebietsnetzes auszuruhen.

Kinder lernen die Natur kennen

Was liegt Ihnen augenblicklich am meisten am Herzen?

Vor allem möchte ich zwei Dinge miteinander verknüpfen: den Schutz der biologischen Vielfalt und die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Beide – umfassende „Allgemein-“ und „Naturbildung“ – gehören unbedingt zusammen. Und noch eins ist mir sehr wichtig: Wir müssen Kinder- und Jugendprogramme intensivieren. Denn alle Experten sind sich einig: Wer schon als Kind intensiv mit Natur in Kontakt kommt, der wird als Erwachsener die Natur schonen, schützen und versuchen, sie zu erhalten.

Das Gespräch führte Susanne Kunckel