Zoopädagogin Dr. Ulrike Stephan: "Bei uns kann man die Tiere wirklich sehen"

Zoos dienen nicht nur dem Freizeitvergnügen und dem Artenschutz, sie haben auch eine ganz wichtige Aufgabe in der Naturbildung, wie Dr. Ulrike Stephan, Leiterin der Zoopädagogik im Zoo Karlsruhe, zu berichten weiß. Lesen Sie hier unser Interview mit einer Expertin.

Hamburg, 26. April 2018

Frau Dr. Stephan: Was ist überhaupt Zoopädagogik?

Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Ich vergleiche das gerne mit der Museumspädagogik. Im Gegensatz zu den Museumspädagogen, die die biologischen Prozesse an Objekten im Museum erklären, können wir das alles, von der Anatomie bis zum Lebensraum der Tiere, am lebenden Objekt erklären. Die Blickrichtung der Zoopädagogik ist natürlich die gleiche wie bei anderen außerschulischen Lernortpädagogen: Wir gehen davon aus, dass man das, was man kennen und lieben lernt, auch schützen möchte. Das ist die Philosophie der Zoopädagogik. Wir versuchen, durch Wissensvermittlung die Sinne und auch die Gedanken zu schärfen, um so einen sorgsamen Umgang mit der Natur und der Umwelt zu fördern.

Wie sind Sie denn zu diesem Beruf gekommen? Wollten Sie schon immer etwas mit Tieren machen?

Ich wollte schon immer etwas mit Kindern machen, gerade auch, um bei ihnen den Bezug zur belebten Natur wieder herzustellen. Es hätte auch Naturpädagogik sein können, ich bin nicht auf die Zoos fixiert. Wir sind Pädagogen und Biologen, die Wissen vermitteln.

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Warum bietet der Zoo Karlsruhe Zoopädagogik an?

Die Motive sind die Besucherbetreuung und die Verstärkung des Besucherservices. Man sollte die Besucher nicht mit einem Hinweisschild alleine vor einem Tier stehen lassen, sondern sich aktiv um Wissensvermittlung bemühen. Das ist nur eine der vielen Aufgaben, die sich jedem Zoo heute stellen: Neben der Wissensvermittlung, Bildung und Erziehung gehören der Natur- und Artenschutz, Freizeit und Erholung und schließlich Forschung und Wissenschaft dazu. Ich hab meine eigene Promotionsarbeit in Karlsruhe begonnen. Das war für mich der Einstieg in die Zoopädagogik.

Worum ging es da?

Ich habe das Verhalten von Eisbären beobachtet und aus über 3.000 Proben Stresshormone gemessen, um herauszufinden, inwieweit die Situation von Eisbären in Gehegen tatsächlich eine Stresssituation darstellt oder eine, die den Stress eher abbaut.

Über Dr. Ulrike Stephan

Dr. Ulrike Stephan leitet die Abteilung Zoopädagogik am Karlsruher Zoo. Die Biologin promovierte über die Stressfaktoren für Eisbären in Zoologischen Gärten.

Welche zoopädagogischen Angebote bieten Sie an?

Wir bieten Führungen für alle Altersstufen an, auch für Kindergärten und Kitas. Vor allem im Sommer gibt es ein Ferienprogramm. Wir haben einen sehr großen Themenkatalog für Schulen, der sich am Bildungsplan Baden-Württembergs orientiert, sind jedoch auch Ansprechpartner für private Gruppen. Es werden Kindergeburtstage durchgeführt, bei denen natürlich eher der Spaßfaktor im Vordergrund steht, aber auch diese sind immer unterlegt mit Wissensvermittlung. Daneben gibt es viele Firmen, die Betriebsausflüge in den Zoo unternehmen. Auch da gehört immer ein Teil Wissensvermittlung dazu.

Sind die Unterschiede eigentlich groß zwischen dem, was man Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erzählt? Von der Schneeeule wissen wahrscheinlich die meisten 50-jährigen nicht viel mehr als die Fünfjährigen, oder?

Das ist richtig. Bezüglich der biologischen Fakten ist das Wissensniveau ähnlich. Aber man hat natürlich eine andere Gesprächsebene. Bei den Erwachsenen thematisieren wir sehr viel stärker den Natur- und Artenschutzaspekt.

Wenn Sie mit Kindern durch den Wald gehen, sehen sie nicht unbedingt Rehe und auch keine sonstigen größeren Tiere. Kinder lieben aber Tiere und bei uns können sie sie treffen.

Kinder lieben Tiere

Was glauben Sie, inwieweit fördert ein Zoobesuch die Empathie der Kinder für Wildtiere und die Natur?

Sehr stark, denn der Vorteil der Zoos ist, dass die Kinder die Tiere sehen können. In manchen Bereichen, wie bei uns im Streichelzoo, können sie sie auch anfassen. Wenn Sie mit Kindern durch den Wald gehen, sehen sie nicht unbedingt Rehe und auch keine sonstigen größeren Tiere. Kinder lieben aber Tiere und bei uns können sie sie treffen. Deshalb halte ich einen Zoo für einen wichtigen emotionalen Multiplikator, um die Tierliebe, aber auch die Liebe zu den Tieren in ihrem Lebensraum und damit die Naturliebe, zu fördern. Umso mehr, je mehr man die Kinder dabei begleitet. Denn, das ist leider auch eine Erfahrung in Zoos: Der Umgang mit den Tieren ist etwas, was die meisten Kinder nicht mitbringen, den muss man ihnen beibringen.

Wo lerne ich mehr über die Natur? Wenn ich, als Kind, drei Stunden im Zoo Tiere anschaue oder wenn ich drei Stunden im Wald spiele?

Da würde ich schon sagen, im Wald. Aber auch nicht von alleine, auch hier bedarf es einer Begleitung. Waldpädagogische Veranstaltungen oder Veranstaltungen in Naturschutzzentren helfen, die Natur als Gesamtheit den Kindern schneller näher zu bringen. Wenn die Kinder nur im Wald sitzen und an Hölzlein schnitzen, ist damit nicht viel gewonnen. Man muss schon die Zusammenhänge verbalisieren, darauf aufmerksam machen, dass der Wald ein Bereich ist, in dem man einfach leise ist, weil hier auch andere leben, die Umgebung auf sich einwirken lassen. Diese emotionalen Erlebniswelten können Sie dort eher vermitteln. In einem Zoo müssen Sie erst einmal dafür sorgen, dass ein Kind kontemplativ an dem Gehege steht, das es betrachten soll. Es ist schnell abgelenkt, es sind zu viele Besucher da, es gibt Spielwelten, leckere Gastronomie. Daher denke ich, das Naturerlebnis muss man sich schon im Wald, auf der Wiese und der Heide holen. Aber die Tierbezogenheit und das Verständnis für die verschiedenen Lebensräumen in der Welt kann man gut im Zoo vermitteln.

Zoos müssen Zusammenhänge erklären können

Besteht nicht die Gefahr, dass Kinder sich die Tiere als Attraktion, als vorführbares Spektakel anschauen und man damit Naturentfremdung noch eher fördert?

Die Gefahr besteht, wenn sich Zoos nicht darum kümmern, die Zusammenhänge zu erklären, wenn sie vergessen, dass sie ein Natur- und Artenschutzzentrum sind. Auch wenn Eltern ihre Kinder nur durch den Zoo rennen lassen, ohne ihnen etwas zu vermitteln, ist das pädagogisch nicht hilfreich. Das ist aber auch im Wald so. Wenn sie die Kinder einfach durch den Wald rennen lassen und sie zertreten alles, ohne zum Beispiel auch kleinste Lebewesen wahrgenommen zu haben, dann ist auch nichts Pädagogisches geleistet.

In der Naturpädagogik geht es weniger um Naturwissen, sondern vor allem darum, dass sich das Naturerleben positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Wie ist das Verhältnis der Zoo- zur Naturpädagogik?

Hier in Karlsruhe ist sogar eine gemeinsames Netzwerk gegründet worden, um die Natur- und die Zoopädagogik zusammenzubringen. Wir haben z.B. ein „Umweltdiplom“ entwickelt, das ist eine Urkunde, die Kinder bei uns bekommen können, wenn sie vier verschiedene naturpädagogische, zoopädagogische oder umweltorientierte Veranstaltungen in unserer Stadt besucht haben. So bekommen die Kinder einen Anreiz, eben nicht nur in den Zoo oder nur ins Naturkundemuseum zu gehen, sondern mindestens vier verschiedene Blickwinkel zu erhalten. Bei unserer Plattform ist unter anderem die Waldpädagogik dabei, das Naturkundemuseum, der Nationalpark Schwarzwald, das Naturschutzzentrum Rappenwört, das Umweltamt, das Liegenschaftsamt der Stadt Karlsruhe und sogar das Amt für Abfallwirtschaft.

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Wie kam es zu dieser gemeinsamen Plattform?

Wir wollen mit einander ins Gespräch kommen und Synergieeffekte nutzen. So kann etwa eine Veranstaltung, die im Naturschutzzentrum durchgeführt wird, wo Kinder tatsächlich emotional den Wald erleben, bei uns eine Verstärkung erfahren, indem wir diese Sensibilität für den Lebensraum Wald auf andere Lebensräume erweitern. Wir können Kindern vermitteln, dass es natürlich wichtig ist, bei uns zu Hause die Natur zu schützen, dass aber die Tiere, die sie bei uns im Zoo kennenlernen, auch eine Heimat haben, und dort die Natur auch geschützt werden muss.

Im Rahmen einer zoopädagogischen Betreuung bekommen Kinder bei Ihnen zum Beispiel einen Beobachtungsbogen für ihre Notizen in die Hand gedrückt. Wie gut, wie detailreich, können Kinder ein Tier beschreiben?

Es kommt auf die Vorbereitung an, mit der die Schüler in den Zoo kommen. Wir betreuen sie, wenn wir sie überhaupt individuell betreuen, vielleicht eine Stunde lang. Wir haben keine Möglichkeit, die Wissensbasis zu überprüfen, mit der sie herkommen, oder zu testen, ob die Motivationsbasis da ist. Wir sind nur der außerschulische Part. Die Schule muss die Bildungsarbeit entweder vor- oder nachbereiten.

Wie ist denn Ihr Eindruck, sind die Lehrer gut vorbereitet oder sagen sie sich, ach, es ist schönes Wetter, statt Wandertag können wir ja auch einfach mal in den Zoo gehen.

Es gibt beides. Es gibt tatsächlich Schulklassen, die nur als Ausflugsgruppe kommen. Aber die älteren Schüler müssen Sie schon mit einem bestimmten Thema packen, einem ökologischem Thema zum Beispiel oder einem Evolutionsthema. Gerade diese Führungen werden bei uns gezielt von engagierten Lehrern gebucht, die die oftmals das bestehenden Lücken des Biologieunterrichts damit zu kompensieren versuchen.

Fortbildungsangebote sind gefragt

Machen Sie auch Fortbildungsangebote für Pädagogen?

Für Lehrkräfte und Studierende, ja.

Wird das gut nachgefragt?

Sehr gut sogar. Die Fortbildung der Lehrkräfte hat für uns eine ganz wichtige Bedeutung, weil wir ihnen die Logistik eines Zoobesuchs besser vermitteln können. Wir können die Fixpunkte benennen, mit denen eine Führung, die sie dann auch oft selbst durchführen, wirklich Sinn macht. Es ist immer sehr schade, wenn jemand einen Unterricht wirklich gut vorbereitet hat und dann kommt er mit seiner Klasse in den Zoo und das Tier zum Beispiel ist gar nicht zu sehen. Diese Enttäuschung hätte vielleicht gar nicht sein müssen. Solche logistischen Dinge versuchen wir im Vorfeld zu vermitteln.

Wie gut kennen sich Kinder insgesamt mit Tieren oder mit der Natur aus? Haben Sie den Eindruck, dass das Naturwissen zu- oder abnimmt?

Es nimmt auf jeden Fall ab. Die Wissenserosion und auch die nicht mehr vorhandene Gefühlswelt zu Tieren ist gerade bei Stadtkindern ganz klar zu spüren. Viele haben einfach keinen Bezug zu einem Lebewesen.

Kann man sagen, dass Kinder grundsätzlich ein paar Lieblingstiere haben und welche sind das?

Im Zoo ist das ganz einfach: Affen, Giraffen, Elefanten und Löwen. Das sind die Klassiker, für die die Kinder in den Zoo kommen. Oder Eisbären und Robben. Insgesamt sind das natürlich die großen Tiere mit Haut und Haaren.

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Wie oft kommt es vor, dass sich Kinder für ganz andere, weniger bekannte Tiere interessieren? Wie oft erleben Sie, dass ein kleiner Junge beim Degu stehen bleibt, oder dass sich bei der persischen Kropfgazelle Scharen bilden?

Ja, doch, aus der Situation heraus gibt es das ganz oft. Denn im Zoo entwickelt sich ja dauernd etwas. Da gibt es Geburten, es werden Umstallungen vorgenommen. Kinder, die häufig den Zoo besuchen, erleben ja nicht immer das Gleiche. Die Pinguine sitzen plötzlich in Bruthöhlen oder die Eisbären sind im Wasser oder außerhalb des Wassers. Kropfgazellen zum Beispiel sind im Moment ganz spannend, weil wir acht Jungtiere auf der Anlage haben. Da sind die Kinderaugen auch auf diese ansonsten vielleicht nicht so interessanten Tierarten gerichtet.

Zootiere vermitteln eine ganz bestimmte Botschaft

Die meisten Kinder lieben Zoos, aber haben sie manchmal auch mit Kindern zu tun, die sagen: „Das macht mich traurig, all diese eingesperrten Tiere hinter Gittern.“

Ja, das gibt es auch. Nicht bei den Kleineren, aber gerade bei den jungen Schulkindern, je nachdem, wie sie informiert sind. Es gibt auch Lehrkräfte, die uns diese Frage stellen und wir erklären dann ganz sachlich: Unsere Tiere sind nun mal hier in Gehegen, sie sind dort schon geboren, und wir nennen sie bewusst „Botschaftertiere“. Wir können immer nur von einer „tiergerechten Haltung“ sprechen, doch wir alle im Zoogeschehen wissen, dass diese Haltung ein Kompromiss ist, dass sie keine ideale Lebenssituation darstellt. Wir haben jedoch diese Botschafteraufgabe: Für die Tierarten, die man bei uns sehen kann, müssen wir uns global einsetzen im Sinne des Natur- und Artenschutzes.

Und das kann man auch einem traurig dreinblickenden 12jährigen Mädchen sagen?

Ja, das kann man sehr gut erklären. Dafür gibt es meistens auch Verständnis.

Sie arbeiten schon seit zehn Jahren hier. Das heißt, Sie gehen jeden Tag durch diesen Zoo. Wie schauen Sie dabei die Tiere an, verändert sich Ihr Blick? Haben Sie noch das gleiche Interesse oder gehen Sie durch den Zoo wie andere durch die Fußgängerzone?

Nein, dann hätte ich meinen Beruf verfehlt. Wir schauen, so oft es geht, mit den Augen der Besucher durch den Zoo. Vor allen Dingen, um herauszufinden, wie wir die Besucher noch näher an das Tier bringen, wie wir ihnen noch mehr vermitteln können, so dass sie sich mit der Situation des Tieres im Gehege nicht alleingelassen fühlen. Und natürlich schaue ich auch immer wieder gerne die Tiere an. Es ist ein wunderschönes Betätigungsfeld, wenn Sie täglich mit Tieren zu tun haben, auch wenn Sie sie nicht anfassen oder nicht wirklich, wie die Tierpfleger, mit ihnen zusammen sind.

Welches ist Ihr Lieblingstier hier im Zoo?

Bei mir sind es immer noch die Eisbären. Sie sind so unglaublich gut an ihren Lebensraum angepasst, das fasziniert mich immer noch enorm.

Das Gespräch führte Ivo Bozic.

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