Kein Platz für Rasen

Warum bei der Mahd weniger gleich mehr ist

Anja Proske (Deutsche Wildtier Stiftung) bei Kartierungsarbeiten auf einer der Campus-Versuchsflächen in Berlin-Dahlem.  Foto: Privat Anja Proske (Deutsche Wildtier Stiftung) bei Kartierungsarbeiten auf einer der Campus-Versuchsflächen in Berlin-Dahlem.  Foto: Privat

Ein kurz geschorener Rasen hält Insekten fern, Wiesengräser und Blumen ziehen sie an. Bis zu vierzig Mal mehr Wildbienen, Käfer und andere geflügelte Insekten fanden Anja Proske (Deutsche Wildtier Stiftung), Sophie Lokatis (Initiative Blühender Campus FU) und Jens Rolff (Freie Universität Berlin) bei Ihrer Studie auf dem Gelände der FU Berlin. Ihre Forderung: Gerade auf öffentlichen Grünflächen sollte nicht mehr als zweimal pro Jahr gemäht werden.

Hamburg, 13. September 2022

Es besteht kein Zweifel daran, dass die zunehmende Versiegelung von Landschaften und die intensive Landwirtschaft einige der Hauptgründe für den Insektenrückgang sind. Urbane Grünflächen, wie beispielsweise Parks oder Gärten, bieten ein großes Potential zumindest für den Erhalt der innerstädtischen biologischen Vielfalt. Die Schwierigkeit in der Stadt besteht allerdings darin, Grünflächen wild zu halten. Wildnis aber wird gebraucht: Denn der klassisch kurz gemähte Englische Rasen ist als Lebensraum für die meisten Tiere unbrauchbar.

Aus diesem Grund legt die Deutsche Wildtier Stiftung gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz seit 2018 wildbienenfreundliche Blühflächen in ganz Berlin an. Über 70 Flächen wurden hierfür ausgewählt und speziell für Wildbienen entwickelte Saatgutmischungen angesät. Aus dieser Initiative heraus sind zahlreiche weitere Kooperationen entstanden, durch die Nahrungs- und Nistmöglichkeiten für Bestäuber in der ganzen Stadt verbessert werden.

Dass dies auch mit relativ wenig Aufwand geschehen kann, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Anja Proske (Deutsche Wildtier Stiftung), Sophie Lokatis (Initiative Blühender Campus FU) und Jens Rolff (Freie Universität Berlin). In einer Metaanalyse wurde untersucht, inwiefern sich eine reduzierte Mahdfrequenz städtischer Grünflächen auf die Individuenzahl und Artenvielfalt von Arthropoden, also Insekten und Spinnentiere, auswirkt. Neben der auf dem FU-Campusgelände gesammelten Daten wurden zahlreiche weitere Ergebnisse von Studien aus europäischen und nordamerikanischen Städten zusammengefasst, um Gesamteffekte zu ermitteln.

Das Ergebnis: Die Arthropoden profitieren von einer reduzierten Mahd. Vor allem geflügelte Insekten wie Bienen, Schmetterlinge und Käfer, kamen auf seltener gemähten Flächen in signifikant höheren Individuen- und Artenzahlen vor. Darüber hinaus ergab die Analyse, dass intensiv gepflegte Grünflächen das Vorkommen ungeliebter Tiergruppen wie Zecken oder Stechmücken nicht verhindert. Im Gegenteil, hier wurden sogar überproportional viele Repräsentanten der Gruppen gefunden.

Wiesen haben gegenüber kurz geschorenen Rasenflächen eine Vielzahl weiterer Vorteile: Es muss weniger gegossen werden und Pestizide werden überflüssig. Hochgewachsene Pflanzen stellen außerdem nicht nur den Lebensraum von Insekten und Spinnen dar, sondern auch den Rückzugsort vieler Wirbeltiere wie Feldhasen oder Füchse, die so in Städten neue Lebensräume finden. Und ganz nebenbei fällt die lästige Pflicht des ständigen Mähens weg.

Mehr Infos zu Blütenmeeren statt Englischem Rasen finden Sie hier

Zur gesamten Studie von Anja Proske (Deutsche Wildtier Stiftung), Sophie Lokatis (Initiative Blühender Campus FU) und Jens Rolff (Freie Universität Berlin) geht es hier (kostenfreier Zugriff bis zum 21. Oktober 2022).
Mehr Infos zur Initiative Blühender Campus FU gibt es hier.
Wie Sie eine Wildblumenwiese anlegen, erfahren Sie hier.

Nahaufname einer Wildbiene

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