Lebensraum Blockhalde

Was verbirgt sich in diesen speziellen Habitaten, die bisher kaum erforscht sind?

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Biologe Robert Klesser, Forschungspreisträger der Deutschen Wildtier Stiftung, untersucht Blockhalden in deutschen und europäischen Mittelgebirgen, um mehr über ihre hoch spezialisierten tierischen Bewohner zu erfahren. Rechtzeitig vor dem Wintereinbruch holt der Wissenschaftler jetzt seine ersten Becherfallen aus den Halden, die hoch oben im Harz, im Fichtelgebirge oder der Rhön liegen. Nächstes Ziel des Wissenschaftlers: das Auswerten der Proben in Hamburg.

Hamburg, 06. November 2018

Hoch oben in den Bergen: Ewiges Eis, kaum Vegetation und weit und breit nichts als massive und teils moosbewachsene Steine. Menschen leben hier nicht, höchstens mal ein Wanderer schaut sich die Steinwüste an. Dafür krabbeln viele winzige, sechs- bis mehrbeinige Gliederfüßer im Gelände herum: Es sind die Blockhaldenbewohner. „Tür an Tür“ besiedeln Blockhalden-Wolfsspinne, spinnenförmige Schneemücke, Blockhalden-Nestkäfer oder Tausendfüßer den Lebensraum auf und in der Halde, laufen sich dabei immer wieder über den Weg und sind damit Bestandteil eines komplexen und stark bedrohten Ökosystems. Welchen Arten sie angehören, wie sie leben und wie sie sich fortpflanzen, ist der menschlichen Welt nahezu unbekannt!

New Bugs on the blocks

NEW BUGS ON THE BLOCK
In seiner Doktorarbeit „New bugs on the block“, untersucht Klesser, wie sich in den Blockhalden Populationen entwickelt haben. Zwischen den unzähligen Gesteinsblöcken der Blockhalden existiert ein riesiges Miniaturhöhlensystem. In dieses Höhlensystem dringt der Frost so tief ein, dass sich im Innern der Halde Eiskerne bilden, die wahrscheinlich auch über den Sommer nicht vollständig abschmelzen. Manche Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass diese Eiskerne schon seit den letzten Eiszeiten bestehen und in zehntausenden von Jahren nicht abgetaut sind. Für seine Forschungsarbeit erhielt Robert Klesser 2017 den Forschungspreis der Deutschen Wildtier Stiftung. Hier mehr Infos.

Um das Leben der Blockhaldenbewohner zu erforschen, legt sich der Biologe und Forschungspreisträger stunden- bis tagelang auf die Lauer. Er krabbelt aber auch beherzt in die Halde hinein, um seine Becherfallen aufzustellen. „Beobachten ist wichtig“, sagt er. „aber ich brauche für meine Forschung natürlich auch Tiere für das Labor. Das schadet den Populationen nicht, hilft aber bestenfalls einer ganzen Art, wenn wir dadurch Erkenntnisse gewinnen, die uns beim Schutz ihres Lebensraumes helfen.“ Die Tiere, die in seine Fallen krabbeln, werden an Klessers Arbeitsplatz im Hamburger CeNak auf ihre DNA hin untersucht. So kann Klesser in naher Zukunft Rückschlüsse auf die Blockhaldenbewohner und ihren einzigartigen Lebensraum ziehen.

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Ab Januar 2019 möchte Klesser dann im Labor in aufwändigen Verfahren die DNA der Blockhaldenbewohner isolieren. Ihm geht es darum, genetische Unterschiede oder auch genetische Gemeinsamkeiten von Blockhalden-Wolfsspinne, Blockhalden-Nestkäfer und Co. in weit voneinander entfernten Blockhalden festzustellen. „Bestimmte Mutationen können den Forschern viel verraten“, erklärt er. „Etwa das Alter von genetischen Linien, Verwandtschaftsgrade, Isolation und Migration, Populationsgrößen und genetische Vielfalt. Mit ausreichenden Daten kann man dadurch nachvollziehen, was mit diesen Artengemeinschaften seit der letzten Eiszeit geschehen ist und vor allem woher sie eigentlich kamen.“

Schauen Sie hier, wie Robert Klesser in die bizarre Welt der Blockhalden eintaucht.

Oben warm, unten eisig

Oben warm, unten eisig - das Klima in Blockhalden

Die Kaltlebensräume der Blockhalden gelten als durch den Klimawandel bedroht. "Nährstoffeinträge durch die Luft können das Zuwuchern durch Vegetation beschleunigen", sagt der Spinnenforscher. Auch Geo- und Sporttourismus sind eine Gefahr für die einzigartigen Mittelgebirgs-Habitate. "Mein Ziel ist es, mehr über die Bewohner der Blockhalden zu erfahren, um zu erkennen, was sie und ihren Lebensraum so einzigartig macht", erklärt Klesser. Langfristig können Klessers Studien Rückschlüsse erbringen, wie Blockhalden als schützenswerte Lebensräume erhalten werden können. Bereits das Klima in so einer Blockhalde ist ungewöhnlich: "Die Oberfläche kann sich an Sonnentagen schnell auf über 60° erwärmen, aber wenn ich meinen Kopf hineinstecke, weht mir sofort ein eisiger Luftzug ins Gesicht. Tief im Haldeninneren finden sich Eiskerne, deren Ursprung sogar in der Eiszeit liegen könnte“, beschreibt der Forscher. „Und drinnen steckt jede Menge Leben, das man von außen niemals erahnt.“

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