Die Zusammenhänge begreifen

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt

Wildtierland Klepelshagen

Gespräch mit Prof. Dr. Fritz Vahrenholt, ehemaliger Vorstand der Deutschen Wilditer Stiftung, über die Bedeutung der Naturbildung für den Naturschutz und über das historisch nicht immer selbstverständliche Recht auf Zugang zur Natur.

Berlin, 06. Juni 2015

Sie sind in Gelsenkirchen-Buer aufgewachsen, mitten im Ruhrgebiet also. Müssen wir uns Ihre Kindheit in einer Industriekulisse vorstellen?

Ich bin in einer Bergarbeitersiedlung groß geworden. Meine Jugend fand zwischen Trümmergrundstücken statt. Damals war es normal, dass Kinder draußen spielten, ich hielt mich vornehmlich auf der Straße auf, machte Streifzüge durch die Stadt, die damals noch viele Freiflächen hatte. Wenn man wie ich aus armen Verhältnissen kam, machte man bis zur Jugend kaum Naturerfahrungen. Man konnte es sich einfach nicht leisten, in den Urlaub zu fahren. Höchstens mal ein paar Tage ins Sauerland, das war schon etwas Besonderes.

Wenn man wie ich aus armen Verhältnissen kam, machte man bis zur Jugend kaum Naturerfahrungen.

Hatten Sie als Kind Kontakt zu Tieren?

In einer Bergarbeitersiedlung gibt es Tauben und Kaninchen. Natürlich hatte auch ich immer ein Kaninchen und musste Ostern jedes Mal Abschied nehmen. Ich hatte auch einen Hund, einen Foxterrier, aber erst mit zwölf Jahren. Ich denke, Kinder brauchen diese Zuneigung zu Tieren und müssen erfahren, wie sie sich verhalten. Und Tiere geben ja auch etwas zurück.

Sind Naturerfahrungen nur für Kinder wichtig oder nicht auch genauso für Erwachsene?

Das Erlebnis eines Nachtspaziergangs durch den Wald oder Tierbeobachtungen von einem Hochsitz aus, das sind Erfahrungen, die man nicht vergisst. Da merkt man, dass man mit der Natur in einem Gesamtzusammenhang lebt. Wie brüchig Natur ist, aber auch ihre Schönheit, kann man eigentlich nur durch persönliche Erfahrungen wirklich begreifen.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt

Dass statistisch gesehen Kinder immer seltener draußen spielen, liegt auch daran, dass immer mehr Kinder in der Großstadt aufwachsen. Müssen wir es da nicht auch ein Stück weit hinnehmen, dass der Naturbezug verloren geht?

Es ist erklärlich, ja, aber es wird so eben auch schwieriger, jungen Menschen, die dann später Verantwortung tragen, verständlich zu machen, dass wir uns in einem Ökosystem bewegen, und dass das Verschwinden von Arten und Lebensräumen nicht nur eine ästhetische Dimension hat. Dass die Natur schön ist, darf man nicht gering schätzen, aber zum Beispiel der Rückgang des Bestands der Wildbienen zeigt uns, dass die Zerstörung von Natur auch Auswirkungen auf den Menschen hat. Man kann sich eben kein Ökosystem vorstellen, dass nur noch aus Stadt besteht. Denn wir brauchen den ländlichen Raum für unsere Lebensgrundlagen, und für viele Nahrungsmittel braucht es Befruchter, etwa Bienen. Das Denken in Zusammenhängen und das Verständnis davon, dass der Mensch Teil eines ökologischen Netzwerkes ist, das geht verloren und lässt sich nicht alleine durch den Biologieunterricht vermitteln. Deswegen ist es so wichtig, dass man es Kindern ermöglicht, Naturerfahrungen zu machen. Das geht auch in der Stadt. Viele Städte sind sehr grün, da liegt die Natur vor der Haustür.
Ich will keinem reaktionären Naturverständnis von der Natur als heiler Welt das Wort reden, aber man kann nicht alles betriebswirtschaftlichen Gewinn- und Verlust-Rechnungen unterordnen. Wir müssen den Wert und die Wertschätzung von Natur einfordern.

Die Stadt schafft Freiräume für die Natur, wirkt der Zersiedlung der Landschaft entgegen.

Sie waren Umweltsenator in einer Großstadt, in Hamburg, was meinen Sie, hat es nicht sogar Vorteile, wenn immer mehr Menschen in die Stadt ziehen? Immerhin vergrößern sich so wieder die Lebensräume für Wildtiere.

Absolut. Die Stadt schafft Freiräume für die Natur, wirkt der Zersiedlung der Landschaft entgegen. Ich habe in meiner Zeit als Umweltsenator aber immer auch dafür gekämpft, dass wir auch in einer dichtbesiedelten Stadt Freiräume für Grün belassen und soweit wie möglich Natur zugänglich machen. Es ist ja hoch interessant zu sehen, dass die ökologische Vielfalt von Städten zunimmt, während unsere ausgeräumte Landschaft und Agrarstruktur ökologisch am verkommen ist.

Sie sind seit 1969, also schon 46 lange Jahre, Mitglied der SPD. Hat ein Sozialdemokrat einen spezifischen Naturbegriff?

Sozialdemokraten haben sich immer schwer getan mit der Ökologie. Wir sind angetreten, aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit zu kommen und für die arbeitenden Menschen das Leben besser zu machen. Es hat in der Geschichte der Sozialdemokratie zwar auch eine Hinwendung zur Natur gegeben, denken wir an die Wander- und Naturfreunde-Bewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts, aber am Ende stand doch immer die Verbesserung der Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen im Mittelpunkt. Ökologie galt eher als konservatives Thema, erst die Grünen haben in den achtziger Jahren gezeigt, dass das ein Thema ist, das auch für die SPD Relevanz haben muss. In einer damals ökonomisch gut aufgestellten, relativ zufriedenen Gesellschaft war plötzlich der Raum gegeben, sich mit Natur- und Umweltfragen zu beschäftigen.

Ich musste noch in meiner Zeit als Senator in Hamburg regelmäßig Smogalarm ausrufen.

Sie selbst waren ja Ende der siebziger Jahre Teil dieser Bewegung, die der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten hat.

Ja, ich habe gesagt, es ist wunderbar, dass wir so tolle chemische Produkte entwickeln, aber die Kehrseite des Ganzen war die gesundheitliche Beeinträchtigung des Menschen und die Zerstörung von Ökosystemen. Damals, als ich das Buch „Seveso ist überall“ geschrieben habe, das zu einer Art Katechismus für die grüne Bewegung wurde, war es ja normal, dass jährlich Flüsse umkippten und Altlasten das Grundwasser verseuchten. Wir mussten feststellen, dass das am Ende auch den Menschen erreicht, dass nicht nur Natur und Tierarten bedroht waren, sondern dass das auch auf uns zurückfällt. Ich musste noch in meiner Zeit als Senator in Hamburg regelmäßig Smogalarm ausrufen. Wir konnten in der Elbe nicht baden, die Fische konnte man nicht essen, es gab auch kaum noch Fische dort, wir hatten Müllskandale bis zum Abwinken. Heute haben wir eine Luftqualität wie seit 100 Jahren nicht, das Thema Abfall und die Chemieproblematik haben wir im Wesentlichen im Griff. Insofern ist es interessant zu sehen, dass die grüne Bewegung, diese, ihre eigenen Erfolge eigentlich gar nicht richtig wertgeschätzt hat. Sie hat sich neuen Themen gewidmet, vor allem den Fragen der Klimaveränderung. Aber alles in allem muss man feststellen, dass der klassische Naturschutz nie im Fokus der Grünen stand, aber auch nicht im Fokus der SPD.

Im Kaiserreich waren viele der im Besitz des Adels befindlichen Landschaften nicht frei zugänglich. Eine der ersten Forderungen der Naturfreunde und Wandervereine war das Recht auf freien Zugang, es ging um die soziale Aneignung der Natur. Ist diese Forderung noch relevant?

Es stimmt, auch der Zugang zu Seen musste von der Arbeiterbewegung erstritten werden. Die Strände gehörten den Reichen, die Arbeiter konnten höchstens in irgendwelchen trüben Tümpeln baden. Heute sind fast alle Naturräume, Felder und Waldlandschaften frei zugänglich. Jeder kann seine Freizeit oder seinen Urlaub dort verbringen, wo er möchte. Und jetzt stellen wir fest, dass es nun, nachdem Jahrzehnte lang im Urlaub das Glück in fernen Ländern gesucht wurde, einen neuen Trend gibt und sich Menschen auch für ihre unmittelbar benachbarte, heimische Natur begeistern lassen und sie wiederentdecken.

Spielt der soziale Status einer Familie heute noch eine Rolle bei der Frage, welche Möglichkeiten Kinder haben, ihre Erfahrungen mit Natur und Tieren zu machen?

Es macht natürlich einen Unterschied, wenn Sie ein Einfamilienhaus mit einem Garten haben, wo sie ein Vogelhaus aufbauen, und wenn Eltern aufgrund eines gewissen Bildungsideals darauf achten, dass ihre Kinder Naturerfahrungen machen, sie ihnen die Natur erklären, mit ihnen Spaziergänge unternehmen. Deswegen ist es auch die Aufgabe als Deutsche Wildtier Stiftung uns nicht so sehr um diejenigen zu kümmern, die ohnehin über ihr Elternhaus schon Zugang zur Natur haben und insofern privilegiert sind, sondern gerade auch um diejenigen, die zum Beispiel in städtischen Hochhaussiedlungen oder sozialen Brennpunkten leben. Die müssen wir abholen, ihnen zeigen, dass es auch in ihrer Umgebung wunderschöne, schützenswerte Natur gibt. Das ist wichtig für den Naturschutz, aber auch für die Kinder.

Ein auf den ersten Blick ganz anderes Thema Ihres Lebens ist die Chemie. Sie haben Chemiewissenschaften studiert und sind Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie. Wie kam es zu diesem Interesse?

Ich hatte einen ganz wunderbaren Chemielehrer, der mich für die Geheimnisse der Natur und somit die Naturwissenschaften begeistert hat. Ich denke, ich war ein ganz guter Chemiker, hatte aber leider das Pech, im ersten Semester durch ein Laborexperiment meine linke Hand zu verlieren. Doch da habe ich mir gesagt, jetzt will ich’s erst recht wissen und dann in Rekordzeit mein Studium beendet. Und so war mein Zugang zur Ökologie einer über die Chemie. Es gibt einen netten Spruch von Georg Christoph Lichtenberg, der sagte: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.“ Ein Chemiker, der nur seine Formeln im Kopf hat, wird die Welt nicht verstehen, aber umgekehrt ist doch auch richtig, dass die Zusammenhänge in der Welt nicht ohne Chemie zu begreifen sind. Daher wünsche ich mir, dass wir sehr viel mehr naturwissenschaftliche Ausbildung betreiben, nicht nur Chemie, auch Biologie und Physik. Wenn die Menschen, die heute so leidenschaftlich von der Klimakatastrophe reden, ein wenig mehr über physikalische Grundkenntnisse verfügen würden, dann würden sie erkennen, dass der Mensch zwar sicherlich einen wichtigen Beitrag zum Klimawandel leistet, dass aber die Natur auch ihre eigenen Regeln hat und sich nicht alleine danach richtet, was der Mensch auf der Erde treibt.

Chemie wird oft als der böse Gegenbegriff zur guten Natur gebraucht. Pflanzenschutzmittel sollen natürlich, nicht chemisch sein, Kinder sollen nicht mit Plastiksachen spielen, sondern mit Holz. Ist Chemie Fluch oder Segen?

Man muss es natürlich im Kontext der industriellen Entwicklung sehen. Es gab in der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre eine industrielle Aufholjagd, wir hatten die Aufgabe, möglichst schnell Wohlstand zu schaffen. Da war die chemische Produktion ein Mittel zum Zweck. Und sie hat es ja auch ermöglicht, dass sozial schwächere Schichten auf viele früher unerschwingliche Produkte zurückgreifen konnten. Die Verdammung der Chemie an sich ist genauso falsch, wie sie zu glorifizieren.

Die Naturentfremdung der Menschen nimmt zu. Das hat Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Handeln.

Innerhalb der Deutschen Wildtier Stiftung ist Naturbildung ein wichtiger Baustein. Welche Bedeutung hat diese für den Naturschutzauftrag der Stiftung?

Das ist ganz zentral. Stifter Haymo G. Rethwisch lag das Thema sehr am Herzen; er hat das Credo ausgegeben: Nur das, was man kennt, kann man schützen. Damit hatte er vollkommen Recht. Wir stellen fest, dass die Naturentfremdung der Menschen zunimmt. Das hat Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Handeln. Wer noch nie etwas vom Schreiadler, von dem es nur noch 110 Brutpaare gibt, gehört hat, den wird es nicht schmerzen, wenn es keinen mehr gibt. Aber wenn man sich vorstellt, dass diese Spezies bis zu 10.000 Kilometer ins südliche Afrika fliegt, um dort zu überwintern, und im Frühling genau weiß, in welches Waldstück an der Ostseeküste sie wieder zurückkehren muss, und dass wir bis heute nicht genau erklären können, wie die das schaffen, dann ist das doch unglaublich faszinierend. Und das kann womöglich auch sehr lehrreich für uns Menschen sein. Da muss man sich einfach engagieren und auch vor neuen Gefahren wie der Windkraft im Wald warnen.

Luchs in den Wäldern

Welches Tier würden Sie gerne einmal persönlich treffen?

Ich bin ein Luchs-Fan. Es ist sehr schwer, ihn in der freien Natur zu beobachten. Eine wilde Luchsin mit ihren Jungen zu sehen, das würde bei mir ein echtes Glücksgefühl auslösen. Wir sind ja gerade dabei, im Pfälzerwald Luchse wieder anzusiedeln. Es ist nicht damit getan, dass man Tiere aussetzt, sondern man muss dann auch bereit sein, die gesamte Region so zu entwickeln, dass der Luchs dort wieder ein Zuhause findet, man muss mit den Landwirten reden, mit den Jägern. Was ich auch ganz toll fände, wäre zu sehen, wie ein Elch über die Oder schwimmt und dann vielleicht sogar durch einen unserer Wälder in Klepelshagen streift. Das wäre wundervoll! Ich hoffe sehr, dass das eines Tages geschieht.

Das Gespräch führte Ivo Bozic