Waldkindergarten Haselmäuse

Berlin, 12. Oktober 2016

Der Natur Zeit und Raum geben

Stolz thront der Bauwagen des Waldkindergartens Haselmäuse auf einem Berg außerhalb der hessischen Stadt Hünfeld. Über dem selbst gebauten Gartenzaun hängen alte, bunt bemalte Milchkannen und Töpfe. Das erinnert an Pipi Langstrumpf oder die Sendung „Löwenzahn“ mit Peter Lustig. 2008 wurde die Idee geboren, hier einen Waldkindergarten zu gründen. „Ich habe mehrere Gemeinden angesprochen“, erzählt Susanne Fischer, Leiterin der Haselmäuse. „In Hünfeld bin ich dann auf offene Ohren gestoßen. Der Bürgermeister, Herr Dr. Fennel, hat uns von Anfang an sehr unterstützt mit unserem Vorhaben.“ Zu Beginn waren die Haselmäuse als Waldgruppe an den örtlichen Kindergarten angeschlossen. Sie verbrachten den Vormittag im Wald und gingen zum Mittagessen und für die Nachmittagsbetreuung in den städtischen Kindergarten zurück. Für Susanne und ihre Kollegen war das aber nicht die Ideallösung. Sie erzählt: „Diese Kombination traf nicht den Sinn unserer Idee. Die Natur kam zu kurz.“ So lag der Entschluss für die Gründung eines eigenen Waldkindergartens unter der Trägerschaft eines Elternvereins nahe. „Und wenn es klappt, können wir bald unsere Öffnungszeiten verlängern“, freut sich Susanne.

Auch heute versuchen wir, den Kindern möglichst viel Zeit in der Natur zu ermöglichen.

Steckbrief

Art : Waldkindergarten
Geografische Lage: Hünfeld – Kirchhasel, Biosphärenreservat Rhön
Gründungsjahr: 2008
Träger: Verein/Elterninitiative + Teilträgerschaft durch die Stadt Hünfeld
Anzahl der Kinder: 25
Alter der Kinder: 2 bis 6 Jahre
Betreuungsschlüssel: 2 Erzieher, 1 Sozialassistent

Wie Entdecker zu Schützern werden

Das Waldkindergartengelände lädt zum Entdecken ein. Heute ist der Sitzkreis Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Mit aller Kraft drehen Helena und Lukas die schweren Hocker auf die Seite und finden zu ihrem Erstaunen ein Gewirr an Ameisen mit deren Eiern darunter. „Boah, guck mal. Wie viele das sind!“ Aufgeregt knuffen sich die beiden gegenseitig in die Seite. Neugierig geworden drehen sie auch den zweiten Hocker um, unter dem Regenwürmer und Asseln durcheinander wuseln. Schnell sind nun auch die anderen Hocker untersucht und bei jedem neuen Fund ertönen erneut Freudenschreie. Susanne schmunzelt und erklärt dazu:

Gerade Insekten und Würmer haben eine hohe Anziehungskraft auf unsere Kinder.

„Vor kurzem haben wir ein Projekt zu Regenwürmern gemacht. Einige Würmer sind dabei natürlich auch kaputt gegangen. Aber mit der Zeit wurde der Umgang mit den Tieren immer verantwortungsbewusster.“ Heute wissen die Kinder, dass nach der Tierbeobachtung die Hocker wieder zurück gedreht werden müssen. Susanne fragt zur Sicherheit trotzdem noch einmal nach dem Grund. „Damit die Ameisen und Würmer weiter ein zu Hause haben“, schallt es prompt von den Kindern zurück.

Kinder sammeln Würmer und Insekten

Märchenhafter Wald

Vom Bauwagen aus kann man den Waldplatz fast schon sehen. Mitten auf dem Waldplatz steht das Waldsofa, in einem Teppich aus Waldmeister und wilden Walderdbeeren. Eine Szenerie wie in einem Märchen – passend zum derzeitigen Kindergarten-Projekt. Susanne verteilt aus ihrem Körbchen eine weiße Blüte an jedes Kind. Diese haben ihre Augen geschlossen und schnuppern erst einmal daran. Einige erkennen den markanten Geruch. „Holunder“ flüstern sie leise. Susanne erzählt das Märchen von Frau Holle und alle Kinder lauschen gespannt der Geschichte von Gold- und Pechmarie. Besonders spannend wird es, als Susanne es aus ihrem Körbchen schneien lässt, als lauter kleine Holunderblüten langsam zu Boden rieseln. Fast so als würde es wirklich schneien.

Wir versuchen den Kindern die Märchen mit allen Sinnen näher zu bringen.

„In der Natur funktioniert das wunderbar, denn viele Dinge aus den Märchen können wir hier draußen bei uns finden“, beschreibt Susanne das Projekt. Am Ende dürfen es auch die Kinder schneien lassen und ganz langsam rieseln ihre Holunderblüten auf den Waldboden.

Bällebahn im Waldkindergarten

Aufregung im Wald

Jeder findet seinen Platz und seine Beschäftigung im Wald. Die Kinder dürfen sich auf dem weitläufigen Waldplatz frei bewegen und schätzen diese Freiheit, selbst zu entscheiden was und wo gespielt werden soll. Um den Waldplatz einzugrenzen, darf jedes Kind einen „Grenzbaum“ aussuchen, welcher mit seinem Namen gekennzeichnet und von jedem Kind individuell verschönert werden kann. So wissen die Kinder genau bis wohin sie gehen dürfen. Und der Waldplatz hat so vieles zu bieten: eine Sandkuhle, Kletterseile und Baumschaukeln, eine Schnitzecke und sogar eine selbst gebaute Murmelbahn, an der Maribell, Justus und Noah gerade testen, wessen Kugel am schnellsten die Holzbahn durchquert. Auf einmal ruft jemand laut: „Ich hab´ Knochen gefunden!“ Aufgeregt kommt Linus zum Waldsofa gelaufen. „Der liegt dahinten. Wollt ihr mal sehen?“ Blitzschnell sind alle Kinder versammelt und folgen Linus zu seinem Fund. Stolz stellt er sich auf einen Baumstumpf und hält die gefundenen Kieferknochen in die Höhe, so dass alle sie sehen können. „Von welchem Tier könnte das wohl sein?“, fragt Susanne in die Runde. Die Kinder schauen sich ratlos an. „Wir nehmen es mit zum Bauwagen und schauen in unseren Büchern nach“, einigen sich Erzieher und Kinder. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zurück zum Bauwagen, allen voran Linus, der seinen Fund behutsam und stolz den Berg hinauf trägt.

Ab in die Hängematten

Für einige Kinder ist der Kindergartentag nun zu Ende. Am Bauwagen werden sie schon von ihren Eltern erwartet. Für die anderen geht es zum Mittagessen. Dreimal in der Woche kommt der Lieferservice, zweimal wird selbst gekocht. „Das gemeinsame Kochen ist für die Kinder immer etwas Besonderes. Einmal kam unser Lieferservice nicht, da musste schnell eine gute Lösung her. Wir haben spontan mit den Kindern Brennnesseln gesammelt und unsere letzten Nudeln rausgesucht. Es gab Nudeln mit Brennnessel-gemüse und noch heute schwärmen die Kinder davon, dass es das beste Essen war, das sie jemals gegessen haben“, lacht Sozialassistent Lukas. Den ganz Kleinen fallen heute beim Essen schon bald die Augen zu vor Müdigkeit. Sie dürfen nach draußen gehen und in die Hängematten schlüpfen, die Susanne hinter dem Bauwagen aufgehängt hat. Bunt schillert es durch die Bäume. Nach und nach kommen auch die anderen Mittagskinder und kuscheln sich in die Hängematten. Susanne liest noch eine Geschichte vor, dann ist es ruhig bei den Haselmäusen und nur noch die Vögel zwitschern über ihnen.

Was am Ende zählt...

So vielfältig wie der Kindergartenalltag sind auch die Menschen, die dort arbeiten. Kathrin ist Anerkennungspraktikantin. Jeden Tag kommt sie aus Thüringen ins hessische Hünfeld und nimmt den einstündigen Weg gerne auf sich. Die gelernte Töpferin, Bankkauffrau und nun auch Erzieherin hat sich in das Konzept und den Kindergarten verliebt, wie sie sagt. „Ich wollte nie in den Kindergarten, zumindest stand das nie auf meinem Plan. Aber jetzt ist es das, was ich gerne machen möchte“, strahlt sie. Ab August wird sie als feste Erzieherin bei den Haselmäusen einsteigen. Und auch die mitarbeitenden Eltern sind eine Stütze für den Waldkindergarten. Insbesondere dann, wenn sie administrative Aufgaben des Vorstandes im Elternverein übernehmen.

Ich finde das Konzept gut und wollte etwas für die tolle Betreuung zurück geben.

Vorstandsvorsitzende und Mama eines Waldkindes Cosima Möller

Die aufgewendeten Stunden werden ehrenamtlich geleistet. Bei einem Wechsel der Kinder in die Schule wechseln so auch häufig die Vorstände. Ein Problem, das viele Waldkindergärten kennen. Eine Entschädigung wäre schön, meint auch Cosima, „dann könnte ich mir auch vorstellen, den Vorstandsposten weiter zu machen, nachdem mein Kind den Waldkindergarten verlassen hat. Auch damit etwas Stabilität in die Arbeit kommt.“ Susanne und ihre Kollegen sind sehr froh, dass sich immer wieder engagierte Eltern finden lassen. Und sie fügt hinzu: „Wir arbeiten ja alle Hand in Hand. Spannend ist doch, was am Ende bleibt an Erinnerungen bei den Waldkindern. Vielleicht, dass sie hier Schnitzen gelernt haben oder Klettern."

Wenn Kleinigkeiten hängen bleiben und eine positive Einstellung zur Natur, dann haben wir alles richtig gemacht!