Der Feldhamster – ein Sorgenkind des Artenschutzes

Vom Plagegeist zum Sorgenkind des Artenschutzes – und das innerhalb weniger Jahrzehnte. Wie ist das möglich?

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Der farbenfrohe Nager hat seit Mitte des letzten Jahrhunderts bundesweit eine bedauerliche Karriere hingelegt. Wurde er in manchen Regionen noch bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts als Ernteschädling verfolgt, so ist er heute eines der am stärksten bedrohten Säugetiere Deutschlands.

Hamburg, 24. Juli 2019

Ursachen sind Lebensraumverlust und Zerschneidung seines Lebensraumes durch Bauvorhaben wie Gewerbegebiete oder Straßen und Autobahnen. Zudem fordert der Straßenverkehr in den verbleibenden „Hamstergebieten“ seine Opfer. Natürliche Verluste durch Beutegreifer spielen auch eine Rolle – besonders weil sich manche Fressfeinde des Feldhamsters (etwa der Fuchs) in der von uns geschaffenen Kulturlandschaft sehr wohl fühlen und deshalb inzwischen in großer Zahl vorkommen. Die Hauptursache scheint aber eine andere zu sein: Heute wird über die Hälfte der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt. Dem Architekten unterm Acker, der am liebsten in Getreidefeldern lebt, sollte es an Lebensraum daher nicht mangeln. Warum aber ist der Feldhamster in Deutschland trotzdem vom Aussterben bedroht?

„Die Art und Weise, wie wir den landwirtschaftlichen Raum nutzen, hat sich nicht nur im Laufe der letzten Jahrhunderte, sondern insbesondere auch der letzten Jahrzehnte, stark verändert“, so Moritz Franz-Gerstein von der Deutschen Wildtier Stiftung. „Früher lebte der Feldhamster in einem Mosaik aus kleinteiligen Feldblöcken, die mit verschiedenen Feldfrüchten bestellt wurden. In diesem vielfältigen Lebensraum fand er während seiner Aktivitätsphase im Sommerhalbjahr durchgängig Deckung vor Feinden und Nahrung.“ Besonders während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber beschleunigte sich die Intensivierung der Landwirtschaft in Deutschland. Die Felder wurden immer größer und verschlangen blühende Ackerrandstreifen, Hecken und Wegränder. Die Spezialisierung auf wenige, besonders ertragsstarke Nutzpflanzen führte zu einem einseitigeren Anbau. Gleichzeitig verkürzten größere und effektivere Maschinen, dichtere Arbeitsabfolgen sowie frühere Erntetermine den Zeitraum der Nahrungsverfügbarkeit immer weiter. Franz-Gerstein: „In den typischen Hamstergebieten ist die Ernte bereits Ende Juli bzw. Anfang August abgeschlossen. Gerade dann aber steht der dritte Wurf der Feldhamster an. Ohne Nahrung und Deckung sind die Überlebenschancen der Jungen sehr gering.“

Feldhamster ohne Deckung auf einem gemähten Feld.

Es geht aber nicht darum, die Landwirtschaft oder deren Modernisierung zu verteufeln. Im Gegenteil: „Die Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Lebensmittel mit immer weniger Personal produziert. Eine gewaltige Leistung für unsere Versorgung. Jetzt muss es gelingen, bei all der Effizienz so zu arbeiten, dass natürliche Vielfalt erhalten bleibt. Der Feldhamster ist hier eine Zeigerart. Wir müssen Hand in Hand mit Landwirten zusammenarbeiten, nur so haben wir eine Chance, die Art vor dem Aussterben zu bewahren“. Der Projektleiter des Naturschutzgroßprojektes Feldhamsterland koordiniert deutschlandweit die Umsetzung spezieller Feldhamsterschutzmaßnahmen. „Es gibt sehr einfach umzusetzende Maßnahmen, wie beispielsweise den verspäteten Stoppelumbruch. Der Landwirt lässt nach der Getreideernte ganz einfach die Stoppeln stehen, anstatt diese wie sonst üblich direkt nach der Ernte umzupflügen. So hat der Hamster nach der Ernte noch Gelegenheit, seine Vorratskammer mit den abgefallenen Getreidekörnern zu füllen und findet mehr Deckung vor Feinden als auf dem blanken Acker. Es ist sehr wichtig, dass sich Projekte wie Feldhamsterland für den Schutz bedrohter Tierarten einsetzen. Aber weil sie einen Großteil der Betriebseinnahmen ausmachen, richtet die Landwirtschaft sich sehr stark nach den Subventionen aus. Deshalb muss die Politik hier umlenken. Statt einer Flächenförderung sollten Landwirte für Natur- und Artenschutz auf ihren Flächen belohnt werden. In Hessen haben wir es gemeinsam mit unseren Projektpartnern vor Ort, der AG Feldhamsterschutz der HGON e.V. gerade geschafft, einen ,Feldhamsterblühstreifen‘ als geförderte Maßnahme ins Landesprogramm zu integrieren. Solche Maßnahmen helfen nicht nur dem Feldhamster, sondern auch den zahlreichen anderen Tieren der Feldflur, die heute vielerorts verschwinden oder bereits verschwunden sind.“

Infobox

Der Feldhamster droht in Deutschland auszusterben. Das Schutzprojekt Feldhamsterland wird deshalb vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums im Bundesprogramm Biologische Vielfalt gefördert. Die Deutsche Wildtier Stiftung koordiniert das bundesweite Vorhaben. Ziel ist es, den dramatischen Rückgang des Feldhamsters in fünf Projektregionen (Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen) aufzuhalten und eine langfristige Koexistenz zwischen Feldhamster und Landwirtschaft zu ermöglichen. Die Unterstützung durch die Landwirtschaft ist entscheidend, denn der Nager ist in vielen Gebieten auf die vom Menschen genutzte Agrarlandschaft als Lebensraum angewiesen. Die Regionalkoordinatoren setzen in den Projektgebieten die wichtigsten Säulen des Projektes um: eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, eine Aufnahme der verbleibenden Bestände mithilfe von Ehrenamtlichen und eine gezielte Umsetzung von Maßnahmen in der Landwirtschaft – damit der Feldhamster auf unseren Feldern eine Zukunft hat.
Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebseite: www.Feldhamster.de

www.Feldhamster.de

Um auf die dramatische Situation des Feldhamsters aufmerksam zu machen und Interessierten die Chance zu geben, alles rund um den bunten Baumeister zu erfahren und selbst für seinen Schutz aktiv zu werden, veranstaltet die Deutsche Wildtier Stiftung am 31.08.2019 einen Feldhamster-Aktionstag bei Salzgitter-Lesse. Weitere Informationen finden Sie hier

Feldhamster im schwarzen Hintergrund

Feldhamster

Der Feldhamster ist ein wahrer Architekt unterm Acker. Sein Lebensraum ist das Kornfeld. Er ist in Westeuropa vom Aussterben bedroht.

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