Die Wildbienen- und Wespenfauna von Hamburg

2020 soll die Rote Liste der "Elb-Stechimmen" fertig sein

Hier kommt eine Furchenbiene aus ihrem Nest im Erdboden (Foto: Schmid-Egger)

Die Deutsche Wildtier Stiftung erstellt derzeit die erste Rote Liste der Wildbienen und Wespen von Hamburg. Das 2016 gestartete Projekt wird von dem Wildbienenexperten Dr. Christian Schmid-Egger betreut und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Projektpartnern, vor allem vom Zoologischen Institut sowie dem Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg, durchgeführt.

Hamburg, 19. Februar 2018

Hier ist eine Wespe der Gattung der Sandwespen zu sehen. Wahrscheinlich die Gemeine Sandwespe (Ammophila sabulosa). Man findet sie an sandigen, schütter bewachsenen Orten oder an vegetationsarmen Böschungen. Als Larvennahrung transportiert die Wespe Raupen in ihr Nest (Foto: Schmid-Egger)

Neben den Wildbienen werden bei dieser Gelegenheit auch die Wespen bearbeitet, da diese Gruppe mit den Wildbienen eng verwandt ist, mit derselben Methode erfasst und ebenfalls in der Landschaftsplanung eingesetzt wird. Jährlich erfolgt nun die Erfassung der Wildbienen- und Wespenarten. 2020 soll dann die Rote Liste in der Schriftenreihe der Behörde für Umwelt und Energie erscheinen.

Warum sind Rote Listen so wichtig?

Rote Listen geben nicht nur Aufschluss über den Bestand

Als Rote Liste gefährdeter Arten oder nur Rote Liste bezeichnet man Fachgutachten, in denen der Gefährdungsstatus von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, aber auch von Biotoptypen dargestellt ist. Mit ihrer Hilfe wird die Öffentlichkeit über die Gefährdungssituation bestimmter Artgruppen und Biotope informiert. Gleichzeitig helfen sie bei umweltrelevanten Planungen, zeigen auf wo Handlungsbedarf herrscht, erhöhen den politischen Stellenwert des Naturschutzes, sind Datenquelle für gesetzgeberische Maßnahmen und dienen der Koordination des internationalen Naturschutzes.

Wildbienen wie auch Wespen haben hohe Ansprüche

Wildbienen besitzen sehr plastische und gut beschreibbare Ansprüche an ihren Lebensraum. Ihre Larven versorgen sie mit Nektar und Pollen von blühenden Pflanzen und sind hierbei teilweise in der Wahl ihrer Nahrungspflanzen hoch spezialisiert. Sie werden auch als oligolektische Arten bezeichnet. Arten die bei der Wahl der Nahrungspflanzen nicht spezialisiert sind (z. B. die Honigbiene oder viele Hummelarten) nennt man polylektische Arten. Auch hinsichtlich ihres Nisthabitats sind Wildbienen sehr wählerisch. Manche Arten nisten in der Erde (endogäisch), andere oberirdisch (hypergäisch) in Alt- oder Totholz, in abgestorbenen Pflanzenstängeln etc. Diese hohen Ansprüche machen die Bienen sehr wertvoll, um auch kurzfristige Änderungen in der Landschaft darzustellen. Wird ihr Vorkommen erfasst und dokumentiert, können bei landschaftsökologischen Bewertungen, Eingriffsplanungen und Naturschutz-Fragen die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Warum werden beim Wildbienen-Monitoring die Wespen mit erfasst?

Vor allem die solitär lebenden Wespen bleiben oft unerkannt!

Die Wespen gehören wie die Wildbienen zu den Stechimmen. Sie eignen sich hervorragend, um in der Landschaftsplanung ergänzende Aussagen zu den Wildbienen zu treffen. Wenn wir von Wespen sprechen, denken wir meist an die sozialen Faltenwespen. Hier sind besonders die Deutsche Wespe und die Gewöhnliche Wespe (Vespula germanica und Vespula vulgaris) als Kuchenräuber und Konkurrenten am Grill gut bekannt. Auch die Hornisse, Deutschlands größte Faltenwespe, kennen viele Menschen. Neben den sozialen Faltenwespen gibt es die sehr viel artenreichere Gruppe der solitären Wespen. Viele dieser Arten tragen Schmetterlings-, Käfer- und Blattwespenlarven als Nahrung für ihren Nachwuchs ein. Sie besiedeln alle möglichen Lebensräume und nisten sowohl im Boden als auch oberirdisch. Manche Arten bauen sogar Mörtelnester. Sie leben sehr versteckt und treffen mit Menschen äußerst selten zusammen. Wie die Wildbienen sind sie vor allem auf offene und warme Lebensräume angewiesen und treten artenreich z. B. in Stadtbrachen auf. Zudem sind mehr Arten als bei den Bienen auf oberirdische Nistquellen (Totholz, Stängel) angewiesen. Damit ist eine deutlichere vergleichende Bewertung von Lebensräumen möglich.

Wie läuft die Erfassung der Wildbienen ab?

Nur etwa 20-30 Prozent aller Arten lassen sich direkt im Gelände bestimmen

Die Untersuchungsflächen werden jeweils zwischen April und August in regelmäßigen Abständen (5 – 6 x) untersucht. Die Flächen müssen so häufig begangen werden, da viele solitäre Wildbienen arttypische Flugzeiten von nur wenigen Wochen haben. Das heißt, dass wir im Frühjahr andere Arten vorfinden als im Spätsommer. Da Wildbienen nur an trockenen und warmen Tagen aktiv sind, müssen die Begehungen immer sehr kurzfristig geplant und durchgeführt werden. Hauptwerkzeug der Biologen ist hierbei der Kescher mit denen die Bienen gefangen werden. Zusätzlich werden Fallen, wie die Malaisefalle (Zeltartige Falle zum Erfassen von Fluginsekten), eingesetzt. Wildbienen, die nicht sicher während der Begehung auf Ebene der Art bestimmt werden können, werden der Natur entnommen, um sie im Labor unter dem Binokular (ähnlich einer Lupe) zu präparieren und zu bestimmen. Da Wildbienen unter dem Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes stehen, wurde uns für das Vorhaben von der Umweltbehörde Hamburg eine Ausnahmegenehmigung für den Fang ausgestellt. Das Abtöten und die Präparation der Tiere sind erforderlich, weil die Unterscheidungsmerkmale vieler Wildbienenarten nur bei hoher Vergrößerung erkennbar sind. Bei einer Reihe von Tieren müssen auch die männlichen Genitalien heraus präpariert werden, anhand derer die Arten dann erkannt werden können. Nur etwa 20-30 % aller Arten lassen sich direkt im Gelände bestimmen.

Wie viele Wildbienen- und Wespenarten wurden bislang erfasst?

246 Stechimmenarten konnten aktuell in Hamburg nachgewiesen werden

Die Erfassungen der Deutschen Wildtier Stiftung schließen zum Jahreswechsel 2017/2018 mit einem höchst erfreulichen Ergebnis ab. Bislang konnten 246 Stechimmenarten, darunter 119 Wildbienenarten und 127 Wespenarten, auf den Untersuchungsflächen nachgewiesen werden. 22 der gefundenen Wildbienenarten sind in der Wahl ihrer Nahrungspflanzen spezialisiert. 36 Arten sind sogenannte Kuckucksbienen, die als Brutparasitoid wie ein Kuckuck bei anderen Bienenarten leben und ihre Eier in die Nester der Wirte legen. 63 der nachgewiesenen Arten legen ihre Nester im Erdboden an. 19 Wildbienenarten nisten oberirdisch im Totholz oder hohlen Stängeln.

2017 war besonders der Fund von sechs seltenen und gefährdeten Wildbienenarten bemerkenswert. Zwei dieser Arten stehen auf der Roten Liste Deutschlands – dabei handelt es sich um die Furchenbienenart Lasioglossum monstrificum und die Holz-Blattschneiderbiene Megachile ligniseca.

Ein Nest der Gemeinen Schornsteinwespe (Odynerus spinipes). Man findet sie an lehm- und lösshaltigen Steilwänden, wie etwa in Sandgruben, an den Ufern von Gewässern oder an Hohlwegen (Foto: Schmid-Egger)

Mag sandige Böden: die Furchenbienenart Lasioglossum monstrificum

Die Furchenbienenart Lasioglossum monstrificum wurde erst vor wenigen Jahren beschrieben. Sie gilt in Deutschland als sehr selten und konnte an insgesamt fünf Standorten im Hamburger Stadtgebiet nachgewiesen werden. Sie lebt auf sandigen Böden und fliegt von April bis September

Herausragender Bienenfund: Holz–Blattschneiderbiene Megachile ligniseca

Die Holz–Blattschneiderbiene Megachile ligniseca ist eine der herausragenden Bienenfunde der Untersuchung 2017. Die bundesweit sehr seltene Art gilt im Norden als sehr selten. Die Art ist vor allem in lichten Wäldern sowie an Waldrändern verbreitet und benötigt stehendes Totholz mit Käferbohrlöchern zur Nestanlage. Die Wildbiene ist in Deutschland stark gefährdet und fliegt von Juni bis Anfang Sepember

Auch seltene Heidekraut-Bienen gingen den Forschern ins Netz

Vier weitere Arten stehen auf der Vorwarnliste oder gelten als gefährdet. Die Heidekraut-Sandbiene Andrena fuscipes, die Seidenbiene Colletes succinctus sowie die parasitisch lebende Heide-Filzbiene Epeolus cruciger und die Heide-Wespenbiene Nomada rufipes sind ausschließlich in den immer rarer werdenden Sandgebieten mit ausreichend großen Heidekrautbeständen zu finden. Die Sandbiene und die Seidenbiene tragen Heidepollen als alleinige Larvennahrung ein, während die beiden anderen Arten jeweils brutparasitisch leben (die Wespenbiene bei der Sandbiene, die Filzbiene bei der Seidenbiene). Alle Arten sind ausschließlich in Sandgebieten mit ausreichend großen Calluna ( = Heidekraut)- beständen zu finden.

10 gefundene Wespenarten in Hamburg stehen auf der Roten Liste

Bei den Wespen wurden bislang 127 Arten in Hamburg nachgewiesen. Darunter auch 10 Arten, die auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten stehen. Besonders erwähnenswert sind hier:

Noch kaum beschrieben: Die Goldwespenart Elampus bidens

Die Goldwespenart Elampus bidens ist extrem selten! In Deutschland sind lediglich einige Altfunde aus dem Raum Karlsruhe sowie ein aktueller Fund aus Berlin bekannt. Auch ihre Lebensweise ist zu einem großen Teil noch unerforscht

Interessanter Neufund: Goldwespe Hedychridium femorratum

Die Goldwespe Hedychridium femoratum ist in Deutschland lediglich aus Berlin, Brandenburg und der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Die nächsten Vorkommen dazu liegen in den Niederlanden. Der Neufund der Art in Hamburg ist daher höchst bemerkenswert. Mehrere Tiere wurden in dem Naturschutzgebiet Borghorster Elblandschaft sowie im Hamburger Stadtteil Othmarschen gefunden

Kommt aus dem Süden: Wegwespe Arachnospila ausa

Die Wegwespe Arachnospila ausa ist ebenfalls eine selten gefundene Art, die bisher vor allem in der Südhälfte Deutschlands und vereinzelt in Norddeutschland aufgefunden wurde. Diese Art ist derzeit vermutlich expansiv.

Galt in SH sogar schon als ausgestorben: Tiphia minuta

Die Rollwespe Tiphia minuta konnte bereits 2016 in dem Naturschutzgebiet Borghorster Elblandschaft wiedergefunden werden, sie galt bisher in Schleswig–Holstein als ausgestorben

Was kann jeder einzelne von uns für Wildbienen tun?

Schon ein Balkon reicht, um Wildbienen zu helfen

Gemeinsam können wir dem Rückgang vieler Insektenarten etwas entgegensetzen! Im Kleinen wie im Großen. Möchten Sie noch mehr über die Lebensweise der Wildbienen erfahren und wie Sie Ihren Garten aufwerten können? Dann bestellen Sie unseren kostenlosen Ratgeber „Wildbienen – schützen und fördern im Kleingarten“ (hier klicken).

Zeigen Sie anderen Ihre wildbienenfreundlichen Maßnahmen

Oder haben Sie bereits einen wildbienenfreundlichen Garten? Dann zeigen Sie uns, was Sie in Ihrem Garten oder Balkon für die Wildbienen machen! Tragen Sie Ihre Wildblumenwiese oder Nisthilfe mit Text und Foto auf unserer Wildbienenkarte ein (hier geht's zur Karte). Jede Wildbiene auf der Karte markiert den Standort eines Unterstützers. Zu diesem Zweck bietet die Deutsche Wildtier Stiftung allen Interessierten spezielle Pflanzensamenmischungen und Nisthilfen an.

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