Straßen werden Wildkatzen zum Verhängnis
Eine neue Risikokarte zeigt, wo Wildkatzen besonders vom Straßentod bedroht sind
Es ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes: Die Wildkatze kehrt in weite Teile Deutschlands zurück und besiedelt dabei alte Lebensräume neu. Kürzlich brachte eine DNA-Analyse den bereits zweiten Nachweis der Art binnen eines Jahres in Schleswig-Holstein. Die letzten Belege stammen aus dem Mittelalter. Der genetische Nachweis gelang, nachdem ein Jäger eine in einem Zaun verfangene Wildkatze befreite. Bilder und Videos der Rettungsaktion gingen viral – und die zurückgelassenen Haare des Tiers ins Labor, wo der DNA-Beleg erbracht wurde.
Ausgehend von ihren Kerngebieten in Mittelgebirgsregionen wie dem Harz breiten sich Europäische Wildkatzen seit einigen Jahren immer weiter nach Norden und Osten aus. Nach der Wiederbesiedlung von Waldgebieten in der Altmark (Sachsen-Anhalt) und in der Lüneburger Heide (Niedersachsen) erreichte die wilde Samtpfote längst auch Brandenburg: Seit kurzem ist klar, dass ein Wildkatzenweibchen im Wildnisgebiet Jüterbog 2025 erstmals seit 200 Jahren wieder Nachwuchs bekommen hat. Und auf unseren Stiftungsflächen im südlichen und östlichen Mecklenburg-Vorpommern versuchen wir aktuell mit nach Baldrian duftenden Haarfallen beweisbare Spuren der scheuen Waldbewohnerin zu sichern, nachdem Wildkameras dort 2023 erstmals vermutlich eine Wildkatze erfasst hatten.
Straßenverkehr ist Todesursache Nummer eins
Doch auf ihrem Weg in neue Gebiete müssen die wilden Mäusejäger ein dichtes Netz aus Autobahnen, Bundesstraßen und kleineren Straßen durchqueren. Dabei können sie schnellen Fahrzeugen oft nicht rechtzeitig ausweichen, und es kommt zu tödlichen Kollisionen.
Eine wissenschaftliche Studie liefert nun wichtige Daten darüber, wie sich das Unfallrisiko verringern lässt. Mit Unterstützung der Deutschen Wildtier Stiftung untersuchte ein Team um den Biostatistiker Matteo Luca Bastianelli von der Universität Freiburg bundesweit über 800 Unfallstellen, an denen Wildkatzen im Straßenverkehr getötet wurden. Die Experten analysierten, welche Faktoren das Unfallrisiko für Wildkatzen erhöhen – vom Kurvenverlauf und der Straßenbreite bis hin zum Verkehrsaufkommen, der erlaubten Geschwindigkeit und der Nähe zu Waldrändern.
Die so entstandene Risikokarte sagt für das gesamtdeutsche Straßennetz voraus, in welchen Bereichen Wildkatzen einer besonders hohen Gefahr ausgesetzt sind, beim Wechsel der Straßenseite mit Fahrzeugen zu kollidieren. Das bisher einmalige Kartenwerk dient Artenschützern und Verkehrsplanern als neues Werkzeug, um kritische Straßenabschnitte für Wildkatzen zu entschärfen. Denn Schutzmaßnahmen wie Grünbrücken oder Wilddurchlässe lassen sich nun gezielt dort installieren, wo Wildkatzen besonders gefährdet sind. Das hilft auch anderen Arten, wie Dachsen, Baummardern und Luchsen. Einige Straßenabschnitte mit besonders hohem Kollisionsrisiko in bekannten Wildkatzengebieten wurden so bereits entschärft.
Auch in Erwartung des Rückkehrers, wie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, sollten Maßnahmen zur Reduktion des Unfallrisikos für Wildkatzen umgesetzt werden. Artenschützer können dabei auch bereits bestehende Unterführungen von Wegen oder Gewässern an kritischen Straßenabschnitten ohne großen Aufwand optimieren: Eine lichte, naturnahe Gestaltung der Durchlässe und das Pflanzen von Hecken und Gehölzen, die zu den sicheren Querungsmöglichkeiten führen, werden von Wildkatzen gerne genutzt.
Link zur Studie
Die Risikokarte der im „Journal of Environmental Management“ erschienenen Studie zur Verarbeitung in Geoinformationssystemen (GIS) in Form von Rasterdaten finden Sie hier. Auf Anfrage senden wir Redaktionen gern einen Landschaftsausschnitt mit den Risiko-Daten zu.