Bis die Hülsen klappern
Bericht aus Klepelshagen: In wenigen Wochen ist die Lupine erntereif
Wer in diesen Tagen den Blick über die Felder auf Gut Klepelshagen schweifen lässt, entdeckt zwischen den abgeernteten Getreideschlägen kräftige grüne Pflanzen mit gefingerten Blättern und behaarten Hülsen, die noch prall und unreif aussehen. Auf den ersten Blick könnte man denken, es seien Wildstauden. Doch was hier wächst, ist eine jahrhundertealte Kulturpflanze: die Weiße Lupine. Von der Aussaat im März bis zur Ernte Mitte September müssen wir beim Anbau einige Herausforderungen meistern. Unsere erfolgreichsten Tricks verraten wir hier – vom Scheinsaatbett über den Zinkenstriegel bis zur Reihenhacke.
Die Samen der Weißen Lupine (Lupinus albus) haben mit bis zu 40 Prozent einen besonders hohen Eiweißanteil. Damit ist diese Kulturpflanze, die ihren Ursprung im Mittelmeergebiet hat, eine regionale Alternative zu Soja aus Übersee. Für die Landwirtschaft auf Gut Klepelshagen erfüllt sie aber noch einen anderen Zweck. Wie viele Pflanzen aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae oder veraltet Leguminosae) reichert die Weiße Lupine Stickstoff im Boden an. Und der ist Dünger für andere Kulturpflanzen, die wir später auf den Lupinenflächen anbauen wollen.
Tausche Zucker gegen Stickstoff
Den Stickstoff kann die Lupine aber nicht aus eigener Kraft anreichern. Sie bekommt dabei Unterstützung von Bakterien, die an ihren Wurzeln Knöllchen bilden und eine Symbiose mit ihr eingehen: Die Pflanze versorgt die Knöllchenbakterien mit Zucker, den sie durch Photosynthese bildet. Im Gegenzug binden die Mikroorganismen den Stickstoff aus der Luft und machen ihn in chemischen Verbindungen für die Lupine verfügbar.
So versorgt sich die Pflanze weitgehend selbst mit einem ihrer wichtigsten Nährstoffe. Wurzel- und Pflanzenreste hinterlassen für die Kultur des nächsten Jahres einen stickstoffreicheren Boden – ein unschätzbarer Vorteil im ökologischen Landbau. Um die Fähigkeiten der Lupine bestmöglich zu nutzen, helfen wir dem natürlichen Prozess ein wenig nach: Noch vor der Aussaat im März impfen wir die Lupinensamen mit speziellen Knöllchenbakterien.
Eine Französin in der Uckermark
Die Weiße Lupine hat einen festen Platz in der Fruchtfolge auf unseren Feldern. Auf rund 70 Hektar bauen wir die französische Sorte Sulimo an. Das war nicht immer so: Über mehrere Jahre haben wir verschiedene Lupinenarten und Sorten ausprobiert. Anfangs haben wir vor allem Blaue Lupine (Lupinus angustifolius) angebaut. Ihre Erträge blieben aber häufig hinter den Erwartungen zurück. Zudem platzten die Hülsen bei der Ernte leicht auf, und viele Samen gingen verloren. Die Weiße Lupine hat sich als wirtschaftlichere Alternative erwiesen. Sie liefert höhere Erträge und lässt sich deutlich besser vermarkten.
Beikräuter unerwünscht
Der Anbau der Weißen Lupine ist anspruchsvoll. Eine der größten Herausforderungen sind die Beikräuter, die wir auf den Feldern nur eingeschränkt dulden. Deshalb werden wir schon vor der Aussaat aktiv und legen ein sogenanntes Scheinsaatbett an: Wir bereiten den Boden so vor, als wollten wir sofort säen. Dann warten wir aber ab, bis die ersten Beikräuter keimen, und entfernen sie. Erst danach kommt die Lupine in den Boden.
Noch bevor die ersten Lupinenkeimlinge zu sehen sind, folgt das sogenannte Blindstriegeln. Mit dem Traktor ziehen wir einen feinen Zinkenstriegel über das Feld. Er kämmt die oberste Bodenschicht durch und entfernt die gerade keimenden Beikräuter. Die Lupinensamen liegen zu diesem Zeitpunkt noch geschützt unter der Erde und nehmen keinen Schaden.
In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal ein weiteres Werkzeug gegen die Beikräuter eingesetzt: die Reihenhacke, die ebenfalls an einen Traktor angehängt wird. Sie fährt mit schmalen Messern zwischen den Lupinenreihen hindurch und entfernt andere Pflanzen. So verschaffen wir den Lupinen genügend Vorsprung, bis sie den Boden mit ihren Blättern beschatten und Beikräuter unterdrücken können.
Nach der Ernte wird das Schnittgut zunächst auf Schwad gelegt. Das heißt, wir lassen es in lockeren Reihen auf dem Feld liegen und einige Tage trocknen, bevor wir es mit einer speziellen Technik aufnehmen und dreschen.
Lupine im Kuchen, auf dem Brot und im Kaffeebecher
Warum wir all diesen Aufwand betreiben? Weil die Beikräuter die Qualität unserer Ernte verringern können. Für die Vermarktung als Lebensmittel müssen die Lupinensamen möglichst hell bleiben. Der Pflanzensaft grüner Beikräuter würde beim Dreschen auf die Samen gelangen und sie grau verfärben.
Die Lupinensamen werden gereinigt, getrocknet und gründlich untersucht. Nur wenn sie hohen Qualitätsanforderungen genügen, dürfen sie zu Lebensmitteln wie Lupinenmehl, veganen Brotaufstrichen oder Kaffee-Ersatz verarbeitet werden. Unter anderem darf der Gehalt an natürlichen Alkaloiden nicht über den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten liegen. Erfüllen die Samen nicht alle Qualitätskriterien für die menschliche Ernährung, finden sie als hochwertiges Eiweißfutter für Tiere Verwendung.
Alkaloide gegen Fraßfeinde
Lupinen bilden sogenannte Chinolizidinalkaloide, die für Menschen und Tiere giftig sind. Vor der Gefahr warnt der bittere Geschmack der Stoffe – so werden Fraßfeinde ferngehalten. Die Wildformen der Lupinen enthalten besonders hohe Konzentrationen dieser Alkaloide. Erst durch jahrzehntelange Züchtungen sind Süßlupinen entstanden, deren Samen für unsere Ernährung geeignet sind. Ganz verschwunden ist die natürliche Schutzwirkung aber nicht. Das erleben wir in Klepelshagen jedes Jahr aufs Neue. Im Frühsommer fressen die Rothirsche noch mit Vorliebe die weißen, alkaloidfreien Blüten unserer Lupinen. Später im Jahr verlieren die Tiere aber das Interesse an den Pflanzen, denn die heranreifenden Samen enthalten noch immer geringe Mengen der bitteren Giftstoffe. Dazu kommt: Die Hülsen sind dicht behaart und haben spitze Enden – auch das verdirbt den Tieren den Appetit.
Ein Klappern, das wir lieben
In wenigen Wochen werden wir das helle Klappern der Samen hören, wenn wir die Hülsen der Weißen Lupine in die Hand nehmen. Das leise Geräusch ist ein untrügliches Zeichen, dass die Pflanzen erntereif sind, – und die Belohnung für viele Monate sorgfältiger Arbeit. Die Weiße Lupine zeigt eindrucksvoll, dass zur ökologischen Landwirtschaft weit mehr gehört als der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdünger. Fachwissen, Erfahrung und ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt sind oft die wichtigsten Erfolgsfaktoren.