Geier auf Tour

Der Klimawandel begünstigt ihre Ausflüge nach Deutschland

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Ob einzeln oder im Trupp von mehr als zehn Tieren: Geier über Deutschland sind keine Seltenheit mehr. Aktuelle Sichtungen sorgen dennoch immer wieder für Schlagzeilen und Verunsicherung – vor allem, wenn die Greifvögel ein Storchennest plündern, wie kürzlich in Niedersachsen.

Wenn ein Geier am Himmel kreist, wirkt das für viele Menschen erst einmal ungewohnt und manchmal auch bedrohlich. Dabei sind die Tiere hier nur auf Durchreise – sie erkunden weiträumig neue Gebiete auf der Suche nach Nahrung, bleiben aber nicht dauerhaft in Deutschland. Vor allem junge Gänsegeier aus Südeuropa sind auf Erkundungstouren unterwegs. Als wärmeliebende Segelflieger nutzen sie warme Aufwinde, um mühelos weite Strecken zurückzulegen. Mit einer Flügelspannweite von teilweise nahezu drei Metern können die Vögel bei günstigen Winden an einem einzigen Tag mehrere hundert Kilometer fliegen – fast ohne Flügelschlag. Steigende Temperaturen durch den Klimawandel und häufigere warme Aufwinde begünstigen solche Erkundungsflüge.

Beleg für erfolgreichen Artenschutz

Dass Geier hierzulande wieder häufiger zu beobachten sind, ist aber vor allem ein Erfolg des Natur- und Artenschutzes: Wiederansiedlungsprojekte und Lebensraumschutz haben die europäischen Bestände in den vergangenen Jahren wachsen lassen. Jede Geiersichtung ist eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass Artenschutz wirkt – und beschert uns ein faszinierendes Naturschauspiel. Geier sind keine Bedrohung, sondern eindrucksvolle Botschafter erfolgreicher europäischer Naturschutzarbeit.

Viel Hygiene, wenig Nahrung

Dauerhaft bleiben werden die Geier in Deutschland allerdings nicht. Weil tote Tiere in Deutschland aus Gründen des Tierseuchen- und Hygieneschutzes rasch entsorgt werden müssen, finden sie kaum ausreichende Mengen Aas als verlässliche Nahrungsquelle. Ihnen fehlt hier schlicht die Lebensgrundlage. Als Aasfresser sind sie darauf spezialisiert, Kadaver zu finden und zu verwerten. So verfügen sie über ein hervorragendes Sehvermögen zum Auffinden toter Tiere aus großer Höhe. Ihr kräftiger Schnabel ist darauf ausgelegt, tote Tiere zu öffnen. Und an ihrem nur spärlich befiederten Kopf bleiben Blut und Gewebereste nicht hängen, Keime und Bakterien setzen sich weniger fest.

Für heimische Wild- und Nutztiere oder gar den Menschen besteht kein Anlass zur Sorge: Geier sind keine aktiven Jäger. Ihre Krallen sind stumpf und zum Erlegen von Beute denkbar ungeeignet. Nur in extremen Ausnahmefällen, etwa bei großer Nahrungsknappheit, können Geier auch stark geschwächte Tiere oder Jungtiere in ungeschützten Nestern angreifen – so wie es in Niedersachsen bei den Weißstörchen der Fall war.

Galerie: Europäische Geierarten

Wichtige Rolle in der Natur

Ökologisch übernehmen die Vögel eine wichtige Aufgabe: Als Müllabfuhr der Natur beseitigen sie Kadaver schnell und verhindern so die Ausbreitung von Krankheiten. Die vier europäischen Geierarten – Gänsegeier, Mönchsgeier, Bartgeier und Schmutzgeier – haben sich dabei im Laufe der Evolution auf unterschiedliche Teile eines Kadavers spezialisiert und machen sich so kaum Konkurrenz. So fressen Gänsegeier vor allem weiche Gewebeteile wie Muskelfleisch und Innereien. Mönchsgeier können mit ihrem gebogenen Schnabel selbst dicke Haut öffnen und fressen Sehnen und Knorpel. Der Bartgeier ist sogar in der Lage Knochen zu verdauen. Der Schmutzgeier schließlich frisst als kleinste europäische Geierart Insekten und kleinere Aasreste.

Die vier europäischen Geierarten und ihre Merkmale

Steckbriefe

Gänsegeier (Gyps fulvus)
häufigste Geierart Europas
– spezialisiert auf weiche Gewebeteile (Muskelfleisch und Innereien)
– Schwerpunkt: Gebirge Südeuropas (z. B. Pyrenäen)

Mönchsgeier (Aegypius monachus)
einer der größten Greifvögel der Welt mit bis ca. 3 m Flügelspannweite
– kräftiger Schnabel zum Öffnen von Haut und Fressen von Sehnen und Knorpel
– Vorkommen u. a. Spanien, Griechenland und Osteuropa

Schmutzgeier (Neophron percnopterus)
kleinste europäische Geierart
– opportunistischer Aasfresser mit vielseitigem Nahrungsspektrum
– nutzt Werkzeuge (beispielsweise Steine zum Öffnen von Straußeneiern)
– in Europa gefährdet

Bartgeier (Gypaetus barbatus)
spezialisiert auf Knochen und Knochenmark
– profitiert besonders von europaweiten Wiederansiedlungsprogrammen und besiedelt ehemalige Lebensräume erneut
– wieder in den Alpen heimisch (u. a. Nationalpark Berchtesgaden, Schweiz, Österreich)

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