Verwechselt, verkannt, verblüffend vielfältig
Warum Schwebfliegen die unterschätzten Heldinnen unserer Gärten sind
Sie stehen mit bis zu 300 Flügelschlägen pro Sekunde in der Luft, können blitzschnell vorwärts, zurück oder sogar seitwärts schießen und ebenso plötzlich wieder abbremsen: Schwebfliegen sind wahre Flugkünstler. Jetzt im Frühsommer schwirren sie wieder zahlreich durch Gärten, Parks und Wiesen – oft unerkannt.
„Viele Menschen halten Schwebfliegen für Wespen und fürchten sich vor ihnen“, sagt Anja Proske, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Dabei sind sie völlig harmlos: Sie haben keinen Stachel und können daher nicht stechen.“ Dass Schwebfliegen Wespen oder manchen Bienenarten zum Verwechseln ähnlich sehen, ist ein Trick der Natur. Fachleute sprechen von der „Bates‘schen Mimikry“ – einer cleveren Strategie, bei der Tiere das Aussehen, Verhalten oder den Geruch anderer Arten nachahmen, um Feinde abzuschrecken. Bei näherem Hinsehen sind die Unterschiede aber leicht zu erkennen: Bienen und Wespen besitzen vier durchsichtige Flügel, Schwebfliegen nur zwei. Außerdem fehlt ihnen die schmale Wespentaille zwischen Brust und Hinterleib, und ihre Augen sind deutlich größer.
Schwebfliegen beeindrucken nicht nur durch ihre Flugkünste und ihren Flügelschlag, der bis zu viermal so schnell ist wie bei einem Kolibri. Sie sind auch unverzichtbare Bestäuber. Viele Arten fliegen bereits früh im Jahr und sind selbst bei kühlerem Wetter aktiv – also zu Zeiten, in denen Wildbienen und Schmetterlinge nicht unterwegs sind. Dabei besuchen die erwachsenen Tiere täglich Hunderte Blüten, um Nektar und Pollen zu sammeln. Und auch die Larven sind große Helfer im Garten: Sie fressen Blattläuse – und davon nicht gerade wenige. „Eine Schwebfliegenlarve kann im Laufe ihrer Entwicklung Hunderte Blattläuse vertilgen. Wer viele Schwebfliegen im Garten hat, kann sich also glücklich schätzen: „Sie halten unsere Pflanzen gesund“, sagt die Artenschützerin.
In Deutschland leben über 460 Schwebfliegenarten. Manche imitieren Wespen, andere ähneln Hummeln oder Honigbienen. Doch alle brauchen strukturreiche Lebensräume, die in unserer Kulturlandschaft immer seltener werden. „Wie viele andere Insektenarten leiden auch Schwebfliegen unter Monokulturen, Pestiziden, häufigem und zu frühem Mähen sowie aufgeräumten Gärten“, erklärt Proske. Bereits 31 Prozent der Schwebfliegenarten in Deutschland gelten als gefährdet. „Ein naturnaher Garten mit Wildblumen, blühenden Kräutern, Hecken und wilden Ecken mit Totholz bietet Schwebfliegen Nahrung und Schutz – und eine Bühne für ihre spektakulären Flugshows“, erklärt die Artenschützerin.
Tipp: Die Deutsche Wildtier Stiftung hat eine spannende Schwebfliegen-Rallye durch den Berliner Bezirk Pankow entwickelt. Abrufbar per Smartphone über die App „Actionbound“, nimmt die digitale Schnitzeljagd Naturfreunde mit auf die Spuren der unterschätzten Flugakrobatin. Die Tour ist eine von insgesamt zwölf Stadtnatur-Rallyes der Stiftung in Berlin.
Zur Rallye: https://de.actionbound.com/bound/schwebfliegen-in-berlin