Faszinierende Vielfraße
Schmetterlingsraupen: Wie sie leben, was sie fressen und wie sie sich schützen
Schmetterlingsraupen sind bei vielen Menschen unbeliebt, denn sie gelten als nimmersatte Pflanzenschädlinge. Dabei sind sie mindestens genauso faszinierend und vielfältig wie die ausgewachsenen Falter. Gut getarnt oder auffällig bunt, vollkommen glatt oder stark behaart, mit Gabelschwanz oder extra langen Beinen – wir stellen einige besondere Exemplare vor.
In Deutschland gibt es etwa 3.700 Schmetterlingsarten. Die meisten davon fallen uns Menschen gar nicht auf, denn sie sind vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs. Etwa 80 Prozent der heimischen Schmetterlingsarten sind Nachtfalter.
Trotz ihrer Vielfalt haben alle Arten eines gemeinsam: Bevor sie zum Falter werden, durchleben sie mehrere Verwandlungsphasen, jede mit einer ganz eigenen Lebensweise. Aus dem Ei schlüpft die Raupe, und diese wird zur Puppe, aus der schließlich der Schmetterling herauskriecht. Wie lange die gesamte Metamorphose dauert, ist von Art zu Art unterschiedlich.
Das große Fressen
Das Raupenstadium der Schmetterlinge dauert ungefähr vier Wochen. Ihr Lebensinhalt in dieser Zeit lautet: futtern! Dabei können sie ihr Körpergewicht in kurzer Zeit vertausendfachen. Weil ihre Haut nicht mitwächst, müssen sie sich mehrmals häuten, in der Regel viermal.
Beim Fressen haben die Arten unterschiedliche Vorlieben. Die Raupe des Buchen-Streckfußes nimmt viele verschiedene Futterpflanzen an. Diese sogenannte polylektische Lebensweise ist ein großer Vorteil: Fällt eine Futterpflanze durch Umweltveränderungen aus, frisst die Raupe einfach eine andere.
Es gibt aber auch Schmetterlingsarten, die auf eine bestimmte Pflanzenart oder -gattung spezialisiert sind. Man nennt sie oligolektisch. Die Raupe des Tagpfauenauges etwa ernährt sich ausschließlich von Brennnesseln. Die Brennnessel ist weit verbreitet und kommt selbst mit der zunehmenden Überdüngung von Grünflächen gut zurecht, da sie stark stickstoffzehrend ist. Ein Glück für das Tagpfauenauge. Andere oligolektische Schmetterlingsarten leiden unter der intensiven Landnutzung durch den Menschen. Ihre Futterpflanzen schwinden und sie finden weniger Nahrung. Schlimmstenfalls können sie sich nicht mehr fortpflanzen und sterben aus. Viele Schmetterlinge kommen zum Beispiel nur auf extensiv gepflegten Magerwiesen vor. Solche Flächen werden nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht und kaum bis gar nicht gedüngt. Weil sich ihre Bewirtschaftung nicht lohnt, sind sie in Deutschland kaum noch zu finden. Dadurch nimmt die Artenvielfalt ab.
Die folgenden Porträts zeigen Schmetterlingsraupen aus unterschiedlichen Lebensräumen.
Auffälliger Pinselträger
Die auffälligen Raupen des Buchen-Streckfußes (Calliteara pudibunda) sind bis in den Herbst zu beobachten. Sie sind etwa fünf Zentimeter lang und kommen in zwei Farbvarianten vor: Rot und Gelb-grün. Die Raupen des Nachtfalters sind stark behaart und haben zusätzlich fünf auffällige Haarbüschel auf dem Rücken. Der lange rote Haarpinsel auf dem letzten Segment wirkt wie die aufgerichtete Rute eines Hundes. Rollt sich die Raupe zusammen, werden die samtig schwarzen Zwischenräume zwischen den Segmenten sichtbar. Die Haare des Buchen-Streckfußes sind übrigens harmlos – anders als die Brennhaare anderer Arten wie Goldafter oder Eichenspinner, die Hautreizungen auslösen können. Nehmen Sie die Raupe also ruhig behutsam auf die Hand, um sie aus nächster Nähe zu bewundern. Danach einfach wieder vorsichtig in die Natur setzen. Die Raupen des Buchen-Streckfußes fressen an verschiedenen Laubgehölzen wie Buchen, Hainbuchen, Eichen, Haseln, Apfelbäumen und Ebereschen. Ende Oktober verpuppen sie sich im Laub am Boden. Die Falter schlüpfen im folgenden Frühjahr.
Betrügerischer Ameisenfreund
Wie der Name schon andeutet, fressen die Raupen des Kreuzenzian-Ameisenbläulings (Phengaris rebeli) ausschließlich Blüten des Kreuzenzians. Dazu kommt eine weitere Spezialisierung: Nach ihrer dritten Häutung lassen sie sich von der Pflanze fallen und warten darauf, dass sie von einer bestimmten Knotenameisenart gefunden werden. Da die Raupen den Geruch der Ameisenlarven imitieren, werden sie von den Ameisen in ihr Nest geschleppt und dort gefüttert und beschützt. Im Schutz des Ameisenbaus häuten sie sich ein weiteres Mal und verpuppen sich im Folgejahr. Die frisch geschlüpften Falter riechen nicht mehr nach Ameisenlarven und müssen zügig das Nest verlassen. Schmetterlinge wie den Kreuzenzian-Ameisenbläuling, die auf eine bestimmte Ameisenart angewiesen sind, nennt man myrmekophil, nach den griechischen Wörtern für Ameise, myrmeko, und Freundschaft, philia. Auch andere Bläulingsarten sind myrmekophil – etwa der Argus-Bläuling (Plebejus argus), dessen Raupe auf dem Foto zu sehen ist.
Akrobatischer Schein-Alien
Die etwa sechs Zentimeter langen Raupen des Buchen-Zahnspinners (Stauropus fagi) sehen aus, als kämen sie von einem anderen Stern. Zwei ihrer Beinpaare sind stark verlängert und die letzten drei Segmente ihres Hinterleibs keulenförmig verwachsen. Die älteren Raupen zeigen ein eindrucksvolles Abwehrverhalten, wenn sie sich gestört oder bedroht fühlen: Sie krümmen das Ende ihres Hinterleibs über den Rücken, heben den Oberkörper und strecken die verlängerten Beinpaare aus. Buchen-Zahnspinner-Raupen fressen an verschiedenen Laubgehölzen wie Buche, Hainbuche, Hasel oder Schlehe. Sie sind von Ende Juli bis Ende Oktober zu beobachten.
Abschreckender Stinker
Gemüsegärtner kennen die Raupen des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon) nur zu gut, denn sie fressen an Doldenblütlern wie Möhre, Dill oder Fenchel. Auch Wildpflanzen wie Wilde Möhre oder Diptam stehen auf ihrem Speiseplan. Schwalbenschwanz-Raupen werden bis zu 45 Millimeter lang. Bei Störungen stülpen sie eine orangefarbene Nackengabel aus. Damit sondern sie einen Duftstoff ab, der Fressfeinde wie Ameisen abschreckt. Der Schwalbenschwanz bildet ein bis drei Generationen pro Jahr, die Puppen der letzten Generation überwintern.
Krabbelnder Vogelkot
Die Raupen des C-Falters (Polygonia c-album) haben eine schwarze Grundfärbung mit hellbrauner Zeichnung auf dem vorderen Drittel und weißer Zeichnung auf den hinteren Dritteln. Dieses Muster dient der Tarnung: Durch die weiße Färbung sehen sie von oben aus wie Vogelkot – Vögel erkennen sie deshalb aus der Luft nicht als Nahrung. Die Raupen werden etwa drei Zentimeter lang und fressen an Laubgehölzen wie Salweide, Ulme oder Stachelbeere, aber auch an der Großen Brennnessel. Die Art bildet ein bis zwei Generationen pro Jahr und überwintert als Falter.
Gefährlicher Giftpflanzen-Fresser
Die gelb-schwarz geringelten Raupen des Jakobskrautbären (Tyria jacobaeae), auch Blutbär genannt, fressen hauptsächlich am Jakobs-Greiskraut, das für Wirbeltiere giftig ist. Die giftigen Alkaloide der Pflanze lagern sie in ihrem Körper ein und werden damit für Fressfeinde wie Vögel ungenießbar. Die auffällige Zeichnung der etwa drei Zentimeter langen Raupen dient als Warnung: Vorsicht, ich bin giftig!
Wehrhafte Schönheit
Dieses Abwehrverhalten ist beeindruckend: Wenn sie gestört wird, zieht die Raupe des Großen Gabelschwanzes (Cerura vinula) ihren Kopf in das erste Brustsegment zurück, sodass ein roter Ring sichtbar wird. Darauf befinden sich zwei schwarze Flecken, sogenannte Scheinaugen. Zusätzlich kann sie aus dem Doppelschwanz am Ende ihres Körpers zwei lange, rote Schläuche ausstülpen, die sie zitternd bewegt. Reicht das nicht zur Abschreckung von Feinden, folgt die dritte Eskalationsstufe: Aus einer Drüse an der Unterseite ihres Kopfes kann die Raupe Ameisensäure etwa 30 Zentimeter weit spritzen.