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Invasive Arten sind in Deutschland auf dem Vormarsch

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Laut einer Studie der Universität Potsdam haben sich knapp 2.000 nicht heimische Arten in Deutschland etabliert. Anders als man denken könnte, führen gebietsfremde Arten nicht zu mehr Vielfalt, sondern verdrängen heimische Arten, zerstören Lebensräume und lassen im schlimmsten Fall ganze Ökosysteme kippen. Im Interview mit der „Futterpost“ hat unser Artenschützer Manuel Hensen über den Umgang mit umgesiedelten Arten gesprochen

Was sind gebietsfremde Arten und wann gelten sie als invasiv?

Gebietsfremde Arten sind Tiere oder Pflanzen, die durch den Menschen – ob absichtlich oder aus Versehen – in eine Region gelangen, in der sie ursprünglich nicht vorkommen. Das muss nicht automatisch ein Problem sein. Erst wenn sich eine solche Art stark ausbreitet und dabei heimische Arten, Lebensräume oder ganze Biotope gefährdet, spricht man von einer invasiven Art.

Auf welchem Weg kommen invasive Arten nach Deutschland?

Invasive Arten kommen oft unbemerkt nach Deutschland. Zum Beispiel, wenn sie als blinde Passagiere im Ballastwasser von Schiffen mitreisen, in Containern stecken, an importierten Pflanzen hängen, sich im Profil von Autoreifen festsetzen oder per Flugzeug einfliegen. Manche Arten wurden aber auch ganz bewusst eingeführt, etwa als Zierpflanzen oder Nutztiere, und irgendwann haben sie sich unkontrolliert ausgebreitet. Hierbei spielen Tourismus, Klimawandel, Handel und Verkehr eine Rolle. Da Deutschland so zentral liegt und es hier einen intensiven Warenverkehr mit vielen Ländern gibt, ist die Gefahr besonders groß, dass sich gebietsfremde Arten bei uns ansiedeln und ausbreiten.

Warum sind invasive Arten ein Problem?

Sie vermehren sich oft viel schneller als die bei uns heimischen Arten. Häufig haben sie hier keine natürlichen Feinde oder bringen Krankheiten mit, gegen die unsere Pflanzen und Tiere keine Abwehr haben. Das kann das ökologische Gleichgewicht stören, heimische Arten verdrängen und die biologische Vielfalt bedrohen. Die Auswirkungen können weitreichend sein: Sie können Ernten schädigen, den Einsatz von Pestiziden erhöhen und sogar Straßen, Wasser- oder Schienenwege beschädigen. Im Naturschutz sind sie besonders problematisch, weil sie empfindlichen heimischen Arten Lebensraum und Ressourcen stehlen – das wirkt sich letztlich auf ganze Ökosysteme aus.

Können Sie Beispiele nennen?

Von Bisam bis Tigermücke

Ein Beispiel ist die Nutria, ein großer Nager aus Südamerika. Sie wurde ursprünglich für die Pelzzucht nach Deutschland gebracht. Einige Tiere sind entkommen und haben sich vor allem an Flüssen und Seen ausgebreitet. Dort graben sie Tunnel, die Deiche und Ufer instabil machen – das kann den Hochwasserschutz gefährden. Außerdem fressen sie viele Wasserpflanzen und schädigen Feuchtgebiete, die seltenen Tieren als Lebensraum dienen. Ähnlich ist es beim Bisam, der durch seine Wühltätigkeit ebenfalls Ufer und Deiche zerstört.

Ein Beispiel für eine invasive Art, die direkt uns Menschen betrifft, ist die Asiatische Tigermücke. Sie stammt ursprünglich aus dem asiatisch-pazifischen Raum, hat sich aber durch den weltweiten Waren- und Personenverkehr inzwischen auch in Deutschland etabliert. Der Klimawandel begünstigt durch mildere Winter und höhere Sommertemperaturen ihre Überwinterung und Vermehrung. Die auffällig schwarz-weiß gemusterte Mücke ist sehr anpassungsfähig, sticht auch tagsüber und kann Krankheitserreger wie Dengue- oder Chikungunya-Viren übertragen.

Bei den Pflanzen ist die Spätblühende Traubenkirsche aus Nordamerika ein gutes Beispiel. Sie breitet sich in unseren Wäldern stark aus und verdrängt andere Arten. Und die Ambrosia, ebenfalls aus Nordamerika, verdrängt nicht nur heimische Pflanzen, sondern sorgt mit ihrem Blütenstaub auch noch bei vielen Menschen für starke Allergien.

Sind invasive Arten eine Erscheinung unserer Zeit oder schon aus früheren Zeiten bekannt?

Invasive Arten gibt es schon seit Jahrhunderten. Schon in der Antike und im Mittelalter haben Menschen Tiere und Pflanzen in neue Regionen gebracht, manchmal bewusst, zum Beispiel als Nutztiere oder Nahrungsmittel, und manchmal unabsichtlich, etwa durch den Handel. Über alte Handelsrouten oder während der großen Entdeckungsreisen wurden viele Arten zwischen Kontinenten verschleppt. Ein bekanntes Beispiel ist die Hausratte, die schon im Altertum per Schiff nach Europa kam und im Mittelalter auch zur Verbreitung der Pest beigetragen hat. Und auch bei Pflanzen gibt es viele Beispiele: Weizen, Mais oder Tomaten haben sich so verbreitet und Landwirtschaft, Ökosysteme und sogar ganze Gesellschaften verändert. Neu ist also nicht, dass Arten wandern. Neu ist, wie schnell und in welchem Ausmaß das heute passiert. Durch die Globalisierung und den modernen Handel verbreiten sich Arten viel schneller und in viel größeren Mengen als früher.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zu früher verändert?

Es hat sich vor allem verändert, wie schnell und wie oft fremde Arten in neue Regionen kommen. Heute reisen viele Arten als blinde Passagiere per Schiff oder Flugzeug praktisch unbemerkt um die Welt und überwinden dabei sogar natürliche Grenzen wie Ozeane oder Gebirge. Dazu kommt der Klimawandel. Arten, die früher hier gar nicht überleben konnten, finden jetzt gute Bedingungen vor. Gleichzeitig sind viele Ökosysteme durch menschliche Eingriffe geschwächt und das macht es invasiven Arten leichter, sich auszubreiten

Wie ist der Umgang mit invasiven Arten in Deutschland geregelt?

In Deutschland regelt das vor allem das Bundesnaturschutzgesetz. Darin steht, dass der Schutz der biologischen Vielfalt von großer Bedeutung ist und es verboten ist, solche Arten absichtlich freizulassen. Auf europäischer Ebene gibt es außerdem eine Liste mit besonders gefährlichen invasiven Arten, für die Handel, Haltung und Aussetzen verboten sind. Deutschland setzt diese Regeln mit eigenen Gesetzen um. In der Praxis arbeiten Umweltbehörden, Naturschutzorganisationen und Wissenschaft eng zusammen. Sie versuchen, invasive Arten zu kontrollieren, zum Beispiel indem sie Pflanzen entfernen, Tiere managen oder Menschen über die Gefahren invasiver Arten aufklären. Aber der Umgang mit invasiven Arten bleibt eine große Herausforderung, und die Ausbreitung unerwünschter Tier- und Pflanzenarten wird sich nicht völlig verhindern lassen.

Welche wirtschaftlichen Schäden sind auf invasive Arten zurückzuführen?

Erhebliche finanzielle Schäden

Gebietsfremde Arten reduzieren zum Beispiel die Ernteerträge, schädigen Bäume und beeinträchtigen die Qualität von landwirtschaftlichen Produkten. Manche übertragen auch Krankheiten oder lösen beim Menschen Allergien aus – dies führt zu zusätzlichen Gesundheitskosten. Ein Beispiel für eine invasive Art, die hohe wirtschaftliche Schäden verursacht, ist die Kirschessigfliege. Sie stammt aus Asien, wurde 2011 erstmals in Süddeutschland nachgewiesen und hat sich inzwischen in ganz Deutschland verbreitet. Anders als heimische Fruchtfliegen befällt sie gesunde, reifende Früchte wie Kirschen, Beeren, Pflaumen oder Pfirsiche und verursacht dadurch erhebliche wirtschaftliche Schäden. Weil sie ein hohes Vermehrungspotenzial hat und der Befall kurz vor der Ernte erfolgt, ist ihre Bekämpfung besonders schwierig.

Auch invasive Tiere wie die Bisamratte und die Nutria verursachen viele Schäden, indem sie Deiche und Hochwasserschutzanlagen untergraben. Das führt oft zu teuren Reparaturen und mehr Aufwand beim Hochwasserschutz.

Richtet jede invasive Art Schäden an oder gibt es auch Beispiele für positive Effekte?

Ja, die gibt es hier und da. Manche invasiven Pflanzen helfen zum Beispiel, erodierte Böden zu stabilisieren oder bieten zusätzliche Nahrung für bestimmte Tiere. Besonders in stark vom Menschen veränderten Gebieten wie Industrieflächen oder Häfen können sogenannte Neophyten oft schneller wachsen als heimische Pflanzen und erleichtern so die Besiedlung karger Flächen. Ein paar invasive Arten sind sogar wichtige Nahrungsquellen: Der Riesenbärenklau zum Beispiel ist für Bienen eine wichtige Spättracht-Pflanze, und das Drüsige Springkraut wird von Hummeln gerne genutzt. Sogar invasive Insektenlarven, wie die der Rosskastanienminiermotte, sind inzwischen Futter für Meisen in Stadtparks.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach effektiver Naturschutz unter Einbeziehung invasiver Tierarten aus?

Der Naturschutz muss im Umgang mit invasiven Tierarten vor allem realistisch und pragmatisch sein. Viele von ihnen sind inzwischen fest in der heimischen Fauna verankert. Sie komplett auszurotten zu können, ist utopisch. Viel wichtiger ist es, die heimischen Arten so zu unterstützen, dass sie mit den invasiven Arten zusammenleben können. Die Umwelt verändert sich ständig, und wie stark eine invasive Art ein heimisches Ökosystem beeinflusst, hängt ganz davon ab, wie stabil das System ist. Deshalb bin ich überzeugt, dass der beste Weg darin besteht, hochwertige Lebensräume zu schaffen, zu schützen und weiterzuentwickeln. Je größer und vielfältiger diese Lebensräume sind, desto weniger negativ wirken sich invasive Arten aus.

Wir alle können leicht dazu beitragen, invasive Arten einzudämmen – zum Beispiel, indem wir bei der Gartenbepflanzung auf heimische oder zumindest nicht-invasive Arten setzen. Unser interaktiver Wildtiergarten ist liebevoll illustriert und lädt zu einem unterhaltsamen Online-Spaziergang ein, bei dem sich hinter jedem Klick spannendes Wildtierwissen und praktische Tipps verbergen.

Dieses Interview ist erschienen in der „Futterpost“, Ausgabe 5/2025. Urheber ist „Das Futterhaus“.

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